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Hilfe zum Erstellen von Tourenberichten

Immer wieder haben einige User Probleme beim Erstellen eines Tourenberichtes, insbesondere beim Hochladen und Einfügen von Bildern.
Ihnen soll die folgende kleine Anleitung ein wenig Hilfe geben, wie ein Tourenbericht ganz kurz und schmerzlos erstellt werden kann

In sechs einfachen Schritten kann ein neuer Bericht leicht erstellt werden:

1. Bilder zum Bericht aussuchen
2. Bilder verkleinern
3. Im Forum "Toureninfo & Verhältnisse" das passende Unterforum auswählen
4. Bilder hochladen
5. Die Bilder mit dem Text ergänzen
6. Fertigstellen/Kontrollieren des Berichtes und Veröffentlichen



Im Folgenden werden die einzelnen Schritte ausführlich erklärt:

1. Bilder zum Bericht aussuchen
Möglichst aussagekräftige Fotos wählen, die auch die Route und wesentliche Details darstellen.
Gegen einzelne "schöne" Landschafts- und Blumenbilder ist natürlich nichts einzuwenden ...


2. Bilder verkleinern
Bewährt hat sich ein Format mit der längeren Bildkante 900 Pixel.
Damit läßt sich bei Speicherung als JPEG eine recht ordentliche Bildqualität erzielen, bei Photoshop etwa abhängig vom Sujet 80/100.


3. Im Forum "Toureninfo & Verhältnisse" das passende Unterforum auswählen
z.B. "Wanderungen und Bergtouren" - "Steiermark"
+Neues Thema wählen

Titel etwa nach dem Schema
Gipfel (Höhenangabe), Anstiegsroute, Gebirgsgruppe (ostalpin nach AVE)

Möglichst bis zu 5 aussagekräftige Stichworte vergeben.

Zum Bilderhochladen weiter mit der "Büroklammer".


4. Bilder hochladen
Möglichst bitte NUR so:
a) "Büroklammer"
b) "Anhänge hochladen"


4.1 Bilder auswählen
Abhängig vom eigenen Rechner/Betriebssystem.
Maximal 15 Bilder pro Posting sind derzeit zulässig, eine größere Bilderanzahl erfordert Folgepostings (Antworten).
(Bewährt hat sich auch, 1-2 Bilder weniger hochzuladen, um für spätere Ergänzungen eine kleine Reserve zu haben.)

4.2 Liste der hochgeladenen Anhänge
Die Auflistung ist leider nicht chronologisch nach Bildbezeichnung geordnet.

Im Textfeld die gewünschte Einfügeposition mit dem Cursor markieren,
bzw. die gelisteten Bilder in der gewünschten Reihenfolge einzeln als "Vollbild" oder "Miniaturansicht" platzieren.
Eine oder mehrere Leerzeilen zwischen den Bildern erleichtern später das Einfügen von Text.


5. Die Bilder mit dem Text ergänzen
Die Bilder sind nun in der richtigen Reihenfolge im Textfenster positioniert.
Ich bevorzuge im ersten Schritt die Positionierung als "Miniaturansicht".
Das erleichtert beim Texteinfügen die Übersicht.
Muß aber nicht sein, natürlich lassen sich die Bilder auch gleich als Vollbild (also in der hochgeladenen Größe) platzieren.

5.1 Text
Jetzt kann der Text ergänzt werden.
Möglichst über dem Foto - ich finde das übersichtlicher ...
Der Text kann natürlich auch vorher erfaßt werden und anschließend einkopiert werden.

5.2 Bildgröße ändern
Wurden die Bilder vorerst als "Miniaturansicht" platziert, können sie einfach auf das finale Darstellungsformat skaliert werden:
a) Doppelklick auf die "Miniaturansicht" öffnet ein Pop-Up-Fenster
b) unter "Größe" idR "Vollbild" wählen
c) OK


6. Fertigstellen/Kontrollieren des Berichtes
Anschließend sollte der Bericht noch in der "Vorschau" kontrolliert werden.
In manchen Fällen muß zur Ansicht der "Vorschau" ziemlich weit nach unten gescrollt werden!

6.1 Veröffentlichen des Berichtes
Zum Schluß noch auf "Abschicken" klicken - und nach einer kurzen "Nachdenkpause" des Servers ist der Bericht online.



Nach dem ersten Durchlesen dieses Leitfadens mag das Erstellen eines Berichtes etwas kompliziert erscheinen - ist es aber nicht:
Viele Tourenberichte schreiben hilft sehr.

Die Reihenfolge der einzelnen Schritte ist nicht so starr wie es hier scheinen mag; natürlich kann auch zuerst der Text erstellt werden und die Bilder nachträglich eingefügt.

Änderungen am fertigen Bericht sind für den Ersteller 24 Stunden lang möglich, bei der Berichtigung später entdeckter Fehler hilft gerne ein zuständiger Moderator. Ebenso beim Verschieben eines Berichtes in das richtige Tourenforum.

Viel Freude bei euren Bergtouren UND dann beim Berichteschreiben,


P.S.: Diese Anleitung, ergänzt um verdeutlichende Screenshots, findet ihr auch unter http://www.gipfeltreffen.at/forum/gi...ourenberichten
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Regelwerk für die Benutzung des Forums Gipfeltreffen

Alle Forumsuser/-innen sind aufgefordert, das Regelwerk zu lesen und sich daran zu halten!

1) Registrierung

Die Registrierung und Benutzung unserer Foren ist kostenlos. Es ist registrierten Teilnehmern/-innen (Usern/-innen) erlaubt, den Forums-Account bis auf Widerruf im Rahmen der vorgegebenen, jederzeit änderbaren Forumsregeln für private Zwecke zu nutzen. Ein späteres Löschen des Forums-Accounts sowie der ins Forum eingebrachten Inhalte oder Bilder ist nicht möglich. Auf Wunsch des Benutzers kann der Account stillgelegt werden. Der Benutzername kann dann von niemandem mehr benützt werden und wird vor Missbrauch geschützt.

2) Hausrecht

Die Forenbetreiber legen Wert auf die Tatsache, dass alle User/-innen Gast in diesem Forum sind und die Betreiber als Gastgeber bei Bedarf ihr Hausrecht jederzeit ausüben können und auch werden. User, die sich überwiegend darauf beschränken zu provozieren, werden ausgeschlossen.

3) Haftung

Die von Usern/-innen verfassten Beiträge stellen ausschließlich die persönliche, subjektive Meinung des Verfassers dar, und keinesfalls die Meinung der Betreiber und Moderatoren dieses Forums. Die Forenbetreiber übernehmen keine Haftung für die Richtigkeit der ausgetauschten Informationen.

4) Umgangston

Die Forenbetreiber erwarten von allen Usern/-innen, sich an die Netiquette zu halten. Auf einen wertschätzenden, höflichen Umgangston wird Wert gelegt.

5) Thementreue

Die Forenbetreiber legen großen Wert auf Thementreue der Beiträge und Übersichtlichkeit von Threads, um den Informationsgehalt des Forums möglichst hoch zu halten. Überschneidungen der Inhalte verschiedener Threads sind zu vermeiden.

6) Verboten ist/sind:

- Beleidigungen, Sticheleien und Provokationen (auch per PN);
- Politische oder religiöse Themen;
- Rechtswidrige Inhalte (unter anderem rechtsradikale oder pornografische Inhalte, Hackinganleitungen, Verstöße gegen das Urheberrecht) sowie das Verlinken zu Seiten mit solchen Inhalten;
- Die Verwendung von fremdem Bildmaterial, Kartenausschnitten und Topos ohne Zustimmung des Autors;
- Die Veröffentlichung von persönlichen Nachrichten (PN), E-Mails oder dergleichen ohne Zustimmung des Verfassers;
- Das Aufdecken der Identität oder die Preisgabe persönlicher Daten eines Users/Moderators/Administrators;
- Werbung für konkurrenzierende Plattformen;
- Das Führen von Doppel- oder Mehrfachaccounts;

7) Moderation:

Die Moderatoren/Administratoren werden von den Forenbetreibern bzw. ihren Vertretern ernannt.
Sie sind von den Forenbetreibern verpflichtet, für die Einhaltung der Regeln zu sorgen und somit ermächtigt, die von Usern/-innen bereit gestellten Inhalte (Texte, Anhänge und Verlinkungen) daraufhin zu prüfen und im Bedarfsfall zu bearbeiten, verschieben, zu löschen oder Themen zu schließen. Im Falle der Löschung von Beiträgen können auch jene Beiträge anderer User ganz oder teilweise entfernt werden, die auf einen gelöschten Beitrag Bezug nehmen.

Änderungen von Beiträgen werden - soweit irgend möglich – unter Angabe des Änderungsgrundes gekennzeichnet. Eingriffe, die den Sinn eines Beitrags verändern, werden nicht vorgenommen. Für die geänderten Teile eines Beitrags haftet der ursprüngliche Ersteller nicht.

Wer etwas gegen das aktive Handeln der Moderatoren/-innen vorzubringen hat, kann dies sachlich, mit konkretem Bezug und zeitnah (innerhalb von 6 Wochen ab Anlass) im Unterforum "Zum Forum/Moderation..." darlegen. In allen anderen Foren werden solche Postings im Sinne der Thementreue der Beiträge kommentarlos gelöscht. Bloßes „Mod-Bashing“ führt zu einer sofortigen Sperre.

Das Unterlaufen von Handlungen und Maßnahmen der Moderatoren ist nicht zulässig. Darunter fällt auch das Fortführen des Themas eines geschlossenen oder gelöschten Threads in einem neuen gleichartigen oder ähnlichen Thread. Ergänzungen und Hinweise von Moderatoren und Administratoren dürfen von Usern in deren Beiträgen nicht verändert oder gelöscht werden.

8) Profil/Signatur

Ein übermäßiges Ausnutzen der Signatur ist unerwünscht. Diese sollte vor allem eine maßvolle Größe haben. Nicht mit der Forumsleitung abgesprochene Werbung (für kommerzielle Angebote), Beleidigungen oder Anspielungen in der Signatur oder dem Profiltext werden nicht toleriert.

9) Werbung

Kommerzielle Werbung im Forum Gipfeltreffen ist kostenpflichtig (siehe Unterforum Werbung). Werbepostings müssten vor Platzierung mit der Forumsleitung vereinbart werden.

10) Gemeinschaftstouren/Bazar

Die Forenbetreiber stellen die Foren "Forum für Gemeinschaftstouren" und " Bazar" ausschließlich für private Kontaktzwecke zur Verfügung und gehen damit keinerlei Verpflichtungen oder Haftungen ein! Alle Kontakte in diesen Foren laufen ausschließlich zwischen den Usern/-innen und auf Basis des gegenseitigen Vertrauens. Bei nachweislichen Betrugsfällen stellen die Forenbetreiber alle vorhandenen Informationen zur Verfügung, um eine straf- und zivilrechtliche Verfolgung zu ermöglichen.

11) Regelwidriges Verhalten

User/-innen, die sich regelwidrig verhalten, werden per PN verwarnt und/oder gesperrt. Art und Dauer der Maßnahme richten sich nach der Schwere und der Häufigkeit der Regelübertretung/en. Die betroffenen User/-innen werden darüber per Mail informiert. Ein Posten unter einer anderen Registrierung in der Zeit der Accountsperre ist verboten und zieht automatisch eine Verlängerung der Sperre nach sich.

Wer gegen geltendes Recht verstößt, wird im Ernstfall von uns zur Anzeige gebracht.

12) Information

Die Forumsbetreiber behalten sich das Recht vor,
- alle registrierten User/-innen in unregelmäßigen Abständen über Themen rund um das Bergsteigen, alpiner Sicherheit, Risikomanagement und Weiterbildung per Mail zu informieren und
- dieses Regelwerk jederzeit abzuändern.

13) Nutzung von hochgeladenen Anhängen

Die User/-innen stellen den Forenbetreibern die eingestellten Bilder sowie sonstige Anhänge zur Nutzung im Forum zur Verfügung. Eine darüber hinaus gehende Nutzung der eingestellten Bilder und sonstigen Anhänge durch die Forenbetreiber erfolgt nicht.
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WICHTIG - BITTE BEACHTEN!!!

Bitte die Touren in jenes Bundesland eintragen wo der jeweilige Ausgangspunkt der Tour war!!!
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1691 - 2864 - 3905 - 4491 - 4810: Sommer 2018 (Teil B)

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  • 1691 - 2864 - 3905 - 4491 - 4810: Sommer 2018 (Teil B)

    An alle potentiellen Leserinnen und Leser: Ich muss mich schon vorab entschuldigen. Der Bericht wird lang, um nicht zu sagen, sehr lang. Ja, wahrscheinlich sogar zu lang. Sollte sich doch einer die vielen Zeilen antun, so hat er meinen höchsten Respekt für den Durchhaltewillen. Ich weiß nicht, ob ichs es geschafft hätte

    Viertausendachthundertzehn Meter ist es hoch: das Dach der Alpen. Eine anziehende Zahl. Gleichsam erhaben klingt sein Name: „Mont Blanc“ - der weiße Berge. Ein Mal im Leben dort oben stehen und hinab schauen: auf das 4000m niedriger gelegene Chamonix, auf die grazilen 4000er der französischen Alpen, rüber ins Wallis, zu den Berner Alpen und noch weiter bis zu den Ostalpen. Kein Berg am Horizont, der höher ist. Die Sonne funkelnd im Gesicht - die Welt zu Füßen. Welch ambitionierter Bergsteiger kennt solche Gedanken nicht?

    Doch der Reihe nach. Das erste Mal sah ich den „Monarchen“ im September 2012, als ich in den Semesterferien mit einem Freund spontan Richtung Chamonix aufbrach, um dort auf der „Tour du Mont Blanc“ den höchsten Berg der Alpen zu umrunden. Es waren überhaupt meine ersten Alpenerfahrungen und nach zwei düsteren Tagen mit Nebel, Regen und Schnee war es dann endlich soweit. Im Laufe des Vormittags rissen nach und nach die Wolken auf und als wir etwa auf Höhe des Brevent waren, erstrahlte der weiße Riese in seiner ganzen Pracht zu uns herüber. Diese gigantische Szenerie mit den Massen aus Eis und Schnee und dieser unnahbare Gipfel brannten sich mir auf ewig ein. Stundenlang schauten wir hinüber, ohne auch nur einen Funken an Faszination einzubüßen. Zaghaft begann ich währenddessen darüber nachzudenken, wie wohl die andere Perspektive - also der Blick vom Gipfel hinab in die Täler - aussähe. Ohne mir selbst darüber im Klaren zu sein, wuchs wahrscheinlich schon damals im tiefsten Inneren der Wunsch, irgendwann selbst einmal dort hinauf zu steigen.

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    Ziemlich genau drei Jahre später sollte ich wiederkommen. Wir hatten die Umrundung beim ersten Anlauf nach gerade einmal einem Drittel abbrechen müssen - andere Verpflichtungen in der Heimat hatten uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dieses Mal war ich mit meiner Freundin unterwegs und in der festen Absicht aufgebrochen, die Runde nun komplett zu machen. Was wir in den 14Tagen erleben durften, ist an anderer Stelle ausführlicher niedergeschrieben worden ( 2 Menschen, 2 Rucksäcke, 14Tage - Tour du Mont Blanc (Sept.2015)

    .
    Die Bewunderung für den Mont Blanc ist aber unterdessen nicht kleiner geworden. Ihn von seinen anderen, teils sehr schroffen und felsigen Seiten zu sehen, bei Sonne wie Schneefall, ließ die Begeisterung immer weiter ansteigen. Mittlerweile hatte ich meine Erfahrungen im Hochgebirge sukzessive ausgebaut, die ersten eigenen Hochtouren hinter mir und mit Weissmies und Alpubel zwei 4000er bestiegen. Die Ansprüche waren gestiegen
    - der Mont Blanc nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Schon während unserer Tour schaute ich mir aus der Ferne die möglichen Anstiegswege an, wog ihre jeweiligen Vor- und Nachteile ab und bastelte so langsam an einem Plan, der mich irgendwann auf das Dach der Alpen bringen sollte.

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    Über Wochen und Monate nahm der Entwurf immer mehr Form an. Ich holte Richard ins Boot, weihte ihn in meine Gedanken ein und bald tüftelten wir gemeinsam am Masterplan. Unserem Credo des möglichst fairen Bergsteigens folgend, schieden jegliche Seil- und Zahnradbahnen als Optionen aus. Auch den Normalweg über die Gouter- Hütte wollten wir vermeiden - zu abschreckend waren die Vorstellungen an eine in der Regel hoffnungslos überfüllte Unterkunft und an das Gedränge in Auf- und Abstieg. Nicht zuletzt sollte die Tour eine gewisse individuelle Note bekommen, ein gar nicht mal so leicht realisierbarer Wunsch an diesem Berg. An unseren alpinen Fähigkeiten orientiert entstand dann die folgende Konzeption: Ausgehend von Les Contamines im Montjoie- Tal würde es über die Domes de Miage und die Aiguille Bionnassay 4000hm hinauf auf den Mont Blanc gehen, wo uns der Weiterweg via Mont Maudit, den Mont Blanc du Tacul und das Mer de Glace zurück nach Chamonix führen sollte. Dafür wäre ein stabiles Wetterfenster von mindestens vier Tagen nötig, solide Verhältnisse am Berg, eine gute konditionelle Form und eine ausreichende Akklimatisierung, die vorab sicher eine Woche in Anspruch nähme.

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    Fürs erste verschwand dieser Plan dann direkt wieder in der Schreibtischschublade. Zu viel müsste zusammenpassen, zu viele Faktoren erfüllt sein, bis eine Umsetzung tatsächlich möglich wäre. Wann dieser Moment kommen würde? Ungewiss. Wir machten uns darauf gefasst, dass noch einige Jahre des Wartens ins Land gehen könnten. Das richtige Timing war entscheidet. Wir würden den Mont Blanc im Hinterkopf behalten, Geduld bewahren und im rechten Moment zur Stelle sein - so die Devise. Bis dahin gab es ja noch genügend andere Ziele und Träume…


    ZEITSPRUNG

    Nach einer kurzen und unruhigen Nacht wache ich auf, blinzle irritiert umher und brauche ein paar Sekunden, bis ich begreife, wo ich bin. Ich richte mich auf. Ein paar Sonnenstrahlen erhellen den grünen Laubwald und scheinen verstohlen durchs Fenster. An der Scheibe haben sich kleine Kondenstropfen gebildet. Ich mache die Autotür auf, lasse frische Luft herein und atme tief durch. Nur langsam vertreibt der Sauerstoff die müden Geister, an ein Aufstehen ist noch nicht zu denken. Ich bin leicht verkatert. Entgegen meiner Absichten waren es dann doch ein paar Bier - und zugegeben auch Schnäpse - zu viel auf der gestrigen Hochzeit meines Cousins. Entgegen meines aufrichtigen Vorhabens, den richtigen Absprungpunkt zu erwischen, kam ich viel zu spät in den Schlafsack. Unterdessen wacht neben mir auch Resi auf, die sich von den Feierlichkeiten schon früher zurückgezogen hatte. „War dann wohl doch etwas später gestern, hm?“ grinst sie, als sie mir in meine glasigen Augen blickt. „Da musst du jetzt durch. Und biste schon aufgeregt?“

    Aufgeregt? Ach ja, da war ja noch was. Im kurzen Moment des Zögerns fällt mein Blick auf die zwei dicken Rucksäcke vorn auf dem Beifahrersitz. Ich schaue auf die Uhr. In einer Stunde kommt Richard. Er ist schon auf dem Weg hierher, um mich hier aus dem Herzen des Mühlhäuser Stadtwaldes am Landgasthof „Alter Bahnhof“ abzuholen. Gemeinsam soll es dann direkt weiter Richtung Alpen gehen - 2 Wochen Bergsteigen und Rennradeln stehen auf dem Programm. Im Nu ist die Vorfreude wieder da, alle Trägheit verflogen.

    Nach einem ausgiebigen Frühstück und der Auswertung der zurückliegenden Feierlichkeiten fährt dann endlich ein dunkler Kombi mit zwei Rennrädern auf dem Dach auf dem Parkplatz vor. Wenig später steht Richard freudestrahlend in der Tür. Jetzt kann es losgehen! Keine halbe Stunde später passieren wir die thüringisch- hessischen Grenze - von nun an geht es nur noch Richtung Süden. Yeah!


    Unser erstes Ziel ist der Ortler. Zwar haben die Westalpen mit ihren 4000ern Priorität, doch da Richard noch nicht akklimatisiert ist, wollen wir es zunächst gemächlicher angehen. Außerdem steht der Hintergrat schon seit langer Zeit auf unserer Liste - Modetour hin oder her. Nach einer windigen Nacht auf dem Stilfser Joch, erreichen wir am nächsten Morgen Sulden in Südtirol und brechen wenig später Richtung Hintergrathütte auf. Da zufälligerweise mein Geburtstag auf den heutigen Tag fällt, machen wir dort - entgegen unserer sonst eigentlich eher spartanischen Art - eine ausgiebige Rast und zelebrieren die fröhlichen Stunden mit einer Kanne Kaffee und Apfelstrudel. Unterdessen füllt sich die Terrasse immer mehr mit weiteren Hintergrataspiranten. Bevor es uns zu voll wird, schultern wir wieder die Rucksäcke und ziehen weiter. Für uns steht heute ein Biwak auf dem Plan.

    Also steigen wir an der Ufermoräne des Suldenferners vorbei das Kar Richtung Hintergrat hinauf. An einer flacheren und steinschlagsicheren Stelle, etwa eine knappe Stunde hinter der Hütte, beziehen wir auf ca. 2850m Quartier.

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    Der Untergrund erweist sich schnell als unbequemer als erwartet. Hätten wir doch eher die bequemere Hütte vorziehen sollen?

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    Es folgt eine intensive Stunde des Steineschleppens und Tüftelns, in der wir uns eine möglichst ebene Liegefläche zusammenpuzzeln. So recht mag uns das nicht gelingen. Irgendwann geben wir auf. Erholsamen Schlaf werden wir heut eh nicht finden. Also nutzen wir die restliche Helligkeit des Tages zum Kochen und Trinken. Immer wieder streift dabei unser Blick hinüber zur Königspitze. Was war das doch für eine tolle Tour vor 2 Jahren Anfang Mai, als wir zum Sonnenaufgang dem Gipfel entgegen gestapft sind. Im Schatten der düsteren Nordwand schauen wir nun wieder demütig dort hinauf. Wer hätte sich damals träumen lassen, dass wir so schnell wiederkommen würden…


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    Mit dem Sonnenuntergang verschwinden wir in die Schlafsäcke - im Mondschein kreisen die Gedanken weiter. Was der morgige Tag wohl bringen wird? Geht alles glatt? Keine Tour ist ein Selbstläufer, schiefgehen kann immer was. Irgendwann schlafe ich endlich ein.

    Um 3Uhr klingelt der Wecker. Wortlos packen wir die feuchten Schlafsäcke zusammen, beleben uns mit heißem Kaffee und würgen schnell zwei Riegel herunter. Dann steigen wir auch schon in völliger Dunkelheit dem Gipfel entgegen.

    Während wir weiter das steile Kar aufsteigen, leuchten bald in ausreichender Entfernung die ersten Stirnlampen zu uns herauf. Am Oberen Knott angelangt, beginnt es zu dämmern.

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    Wenig später treffen die ersten Lichtstrahlen die Königspitze. Für wenige Minuten erscheint sie wie in rosa Kleid gehüllt und offenbart dabei ihre ganze majestätische Pracht. Ich komme nicht umhin, stehenzubleiben und minutenlang wie gebannt hinüber zu schauen. Auch wenn solche Betrachtungen immer sehr subjektiv sind: spätestens in diesem Moment ist für mich klar - die Königspitze ist der schönste Berg der Ostalpen.

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    Erst als von hinten die erste nachfolgende Seilschaft zu uns aufschließt, kann ich mich von diesem Anblick losreißen. Die beiden Jungs sind schnell und werden an diesem Tag die ersten auf dem Ortler sein. Sie grüßen freundlich und ziehen dann am ersten Schneefeld an uns vorbei.

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    Wir gehen in unserem Tempo weiter, schließlich liegen wir gut in der Zeit und nach uns kommt erstmal nichts. Also bleibt auch weiterhin Zeit für kleinere Fotopausen. Mittlerweile hat sich das rosa zu einem orange verwandelt. Eine traumhafte Kulisse!

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    Drüben am kleinen Zebru thront das Cantu- Biwak auf einem Felsvorsprung. Bei der Aussicht werde ich da um eine Nacht sicher früher oder später auch nicht drumherum kommen…

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    Bald darauf sind wir am Signalkopf angekommen. Wir umgehen ihn links in einer Rinne und kommen wenig später wieder auf den Grat zurück. Als wir uns nochmal umdrehen, sehen wir, wie sich die vorausgegangene Seilschaft vom Signalkopf abseilt. Sie haben sich verstiegen und verlieren nun unnötig Zeit. Zu allem Überfluss verheddert sich beim Abziehen ihr Seil, sodass es in einer wilden Aktion von 60 auf 30m gekürzt werden muss. Schade drum.
    Als nächstes steht nun die Schlüsselstelle der Tour an. Wir schauen uns das erstmal bei den Jungs vor uns an.

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    Sicherheitshalber packen wir nun das Seil aus und ich steige vor. Der nach links abdrängende Riss ist schwerer zu klettern als erwartet. Gute Tritte sind rar und die Griffe speckig. Ohne Handschuhe und mit ein bisschen Probieren geht es dann aber doch. Richard tut sich leichter und steht bald wieder neben mir. Nun geht’s am laufenden Seil weiter. Bald kommt der nächste Firnhang (bis 40°), dann folgen wir wieder dem Grat (II- III, eine Stelle IV- ). Die Abwechslung lässt keine Monotonie aufkommen. Die Ausgesetztheit nehmen wir gar nicht so wahr. Nur wenn wir hin und wieder mal zurückschauen, wird uns die Dimension dieses Grates bewusst.


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    "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
    Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

  • #2
    Als wir am dritten Firnfeld ankommen, schließt ein Bergführer mit seinen zwei Gästen zu uns auf. Wir bieten ihm an, ihn vorbei zu lassen, doch er lehnt dankend ab. „Wir haben alle Zeit der Welt. Geht mal voran“, meint er lächelnd. Wir nicken und steigen weiter. Einen derart entspannten Bergführer hab ich bisher selten gesehen. Noch weiß ich nicht, dass ich ihn in ein paar Tagen schon wiedersehen soll - in einem anderen Gebirge, auf einer anderen Tour. Klein ist die Welt, doch dazu später mehr.

    Ziemlich genau vier Stunden nach unserem Aufbruch sehe ich vor mir das Gipfelkreuz aufblitzen. Jetzt geht es nur noch eine kleine Rinne (I) hinauf und dann sind wir oben. Trotz der dünnen Luft werden die letzten 100m zum reinsten Vergnügen. Zur Belohnung erwartet uns eine Aussicht wie im Bilderbuch. Ich sauge alles in mir auf.



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    Der Abstieg dauert länger als erwartet und zu unserer Überraschung müssen wir noch ganz schön oft die Hände aus den Hosentaschen nehmen. Der Felsteil zieht sich, auch wenn die Kletterei nie wirklich schwer ist und große Teile mit Ketten und Seilen gesichert sind. Doch für Nachlässigkeiten ist auch hier kein Platz. Langsam müsste doch mal die Payerhütte auftauchen?
    Nach einer Vielzahl von Grataufschwüngen ist es dann endlich soweit - jetzt ist es nur noch ein Katzensprung. Wir können das Weißbier schon förmlich riechen…

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    Nach einer ausgiebigen Pause geht’s an den finalen Abstieg ins Tal. Immer im Blick haben wir dabei die Nordwand des Ortlers. Schön ist sie und schrecklich zugleich. Wir kennen ihre vielen Gesichter - wenn auch bisher nur aus Büchern und Erzählungen. Dort einmal hinauf. Das wäre schon was! Aber ist es das Risiko wert? Wir sind längst an der Tabarettahütte vorbei, verlieren die Wand bald aus den Augen, doch unsere Diskussion darüber nehmen wir fast mit hinab bis zum Auto. Für mich ist die Sache recht klar: Irgendwann muss ich da hoch!

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    Den Abend verbringen wir auf einem kleinen Pass knapp hinter der schweizerischen Grenze. Grün ists hier, warm, die Grillen zirpen und alles duftet nach Sommer - ein schöner Kontrast zum grau- weißen und kalten Ortler. Ich habs mir noch keine zwei Minuten im Campingstuhl bequem gemacht, da ploppt neben mir schon der Korken. „Na wie wärs? Cabernet Sauvignon. Reserva natürlich“, meint Richard und hält mir ein Glas Rotwein unter die Nase. „Da sag ich nicht nein.“ Es wird nicht das letzte Glas dieses Abends bleiben…

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    Viele Eindrücke gehen uns durch den Kopf. Wir haben einen Start nach Maß hingelegt und durften mit dem Hintergrat ein bedeutendes Ziel von unserer Liste streichen. Doch jetzt haben wir Blut geleckt. Das Wetter bleibt beständig und die Motivation ist größer denn je. Nächster Halt: Täschhorn.

    Am nächsten Abend erreichen wir nach vielen Fahrstunden im Auto endlich die idyllisch gelegene Täschalp. Hier oben fühle ich mich nach den Touren auf Alphubel (2014) und Rimpfischhorn (2016) fast schon heimisch. Es ist wie ein Besuch bei alten Bekannten, nur dass wir jetzt mit einem neuen Ziel angereist sind.

    Als wir uns am nächsten Morgen neugierig aus den Schlafsäcken aufrichten, haben sich die dichten Wolken des abendlichen Gewitters längst verzogen. Natürlich geht unser erster Blick direkt hinauf zum Südostgrat des Täschhorns, der sich eindrücklich vor uns aufbäumt.

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    Wie oft habe ich da schon hinaufgeschaut? Wieder folge ich mit meinen Augen der Aufstiegslinie des immer steiler werdenden Grates, bis ich am Gipfelaufbau ehrfürchtig verweile. Vor vier Jahren bin ich in diesen Grat schon eingestiegen - aber nur zum Spaß und eher aus Neugier, nachdem wir vormittags zum Mischabelbiwak aufgestiegen waren. Nach anderthalb Stunden hatten wir uns dann noch weit entfernt vom Gipfel wieder zur Umkehr entschieden und haben stattdessen am nächsten Tag den Alphubel über seinen Nordgrat bestiegen. An eine ernsthafte Besteigung des Täschhorns hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken gewagt…

    „So, erstmal frühstücken und dann packmers an“, meint Richard und reißt mich damit aus meinen stillen Gedanken. Während wir uns unseren ersten Kaffee schmecken lassen und die morgendliche Ruhe genießen, fährt neben uns ein schwarzer Audi mit Augsburger Kennzeichen vor. Zwei ältere Herren steigen aus, mustern interessiert die Umgebung und richten sich wenig später ein paar Meter abseits ebenfalls zum Frühstück ein. Unterdessen kommt einer der beiden zu uns herüber und beginnt ein Gespräch. Wir erfahren, dass die beiden auf den Alphubel wollen. Mit Zelt soll es heute noch zu ihrem Lieblingsplatz etwa eine Stunde hinter der Täschhütte gehen. „Leider habe ich meine Isomatte vergessen, aber in meinen knapp 70 Jahren habe ich schon so unbequem geschlafen, da schaff ich die zwei Nächte auch noch“, fügt er lachend an. Es beginnt eine nette Unterhaltung. Als wir ihm mitteilen, dass wir auf das Täschhorn wollen, fangen seine Augen zu strahlen an. „Das macht ihr richtig. Wir haben über die Jahrzehnte hier im Wallis so ziemlich alles abgegrast, was man sich vorstellen kann. Das Täschhorn natürlich auch. Jetzt im Alter müssen wir aber ein paar kleinere Brötchen packen. Obwohl. Vielleicht kann ich meinen Kollegen ja noch zum Täschhorn überreden.“ Wir lachen gemeinsam.

    Wenig später sitzen wir uns in gut 20Metern Abstand gegenüber und frühstücken gut gelaunt an diesem warmen Sommermorgen.

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    Drüben am Nachbartisch wird immer wieder herzhaft gefeixt. Die gute Stimmung färbt unweigerlich ab. Richard und ich schauen uns an. „Das sind wir“, meine ich zu Richard. „Schau es dir an. Nur halt in knapp 40 Jahren. Zwei Campingstühle, die Essenskiste, der Gaskocher, Müsli, Marmelade, Joghurts. Sogar das Espressokännchen ist das gleiche. Einzig mit dem Tisch sind sie uns ein Stück voraus“. Richards breites Grinsen gibt mir die Bestätigung. „Ja, selbst die albernen Witze könnten unsere sein“, wirft er ein. Wir lachen wieder. Nach einem kurzem Moment der Ruhe schließe ich an: „Wenn wir in 40 Jahren auch noch so dasitzen, haben wir alles richtig gemacht.“

    Während wir zu Ende frühstücken, schaue ich immer wieder zu den beiden hinüber, als säße da ein Spiegelbild meiner selbst. Hin und wieder treffen sich unsere Blicke. Ob sie wohl das Gleiche denken?

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    Bevor Richard und ich Richtung Mischabelbiwak aufbrechen, verabschieden wir uns von unseren Nachbarn. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie uns noch eine Zeit lang nachschauen. Sicher wären sie gern mitgekommen. Aber alles hat seine Zeit.
    Der Aufstieg zieht sich, verläuft aber insgesamt weniger zäh als erwartet. Nur die Mittagshitze macht uns zu schaffen und lässt den Schweiß laufen. Auf dem Weingartengletscher suchen wir uns im Sulz einen Weg an kleineren und größeren Spalten vorbei. In einem unerwarteten Moment verschwindet mein linkes Bein im Nichts. An diese kleinen Schrecksekunden werde ich mich wohl nie gewöhnen. Im Nu ist die Konzentration zurück.

    Es ist Nachmittag, als wir auf den Eisenleitern endlich die letzten Meter zum Biwak hinaufsteigen. Jetzt das Öfchen einheizen und in aller Ruhe die Füße hochlegen. Von wegen! Mit dem Öffnen der Eingangstür macht sich schnell Ernüchterung breit. Unsere kleine Hoffnung auf eine leeres Biwak löst sich im Nu in Luft auf. Stattdessen empfangen uns eine strenge Schweißwolke und dutzende Gesichter mit ein und demselben Gesichtsausdruck: „Die auch noch?“ Kurz nach uns kommt eine weitere Seilschaft. Während wir uns noch ein freies Plätzchen auf einer der hinteren Bänke ergattern, muss ich unweigerlich an Goedekes Beschreibungen im 4000er- Tourenführer denken: „Ansonsten befindet man sich auf diesem Viertausender unter einem recht exklusivem Publikum oder ohne jegliches.“ Aha. Beim Durchzählen kommen ich auf 22 Personen. An einem Wochentag wohlgemerkt. Vor vier Jahren waren wir hier ganz allein gewesen.

    Der Großteil der Täschhorn- Aspiranten ist mit Bergführer hier. Diese wiederum kümmern sich um das Feuer im Ofen sowie Schneeschmelzen und unterhalten die zusammengewürfelte Gemeinschaft mit allerhand Berufsanekdoten - natürlich im besten Schwyzerdütsch, sodass Richard und ich abgesehen von ein paar Wortfetzen kaum etwas verstehen. Während wir uns aber derweil mit Kaffee und Nudeln stärken, kommen wir mit einem unserer Sitznachbarn ins Gespräch. Er ist selbst auch Bergführer, fiel bisher aber eher durch seine schweigsame Art auf. Schnell stellt sich heraus, dass er aus Südtirol kommt und mit seinen Schweizer Kollegen eher weniger zu tun hat. Schon seit einigen Jahren begleitet er einen Münchner dabei, alle Walliser 4000er zu besteigen und nun steht mit dem Täschhorn der vorletzte dieser Reihe an. Als er auf unsere Pläne zu sprechen kommt, fällt unweigerlich das Stichwort Ortler. Ich bin gerade dabei, ihm von unser jüngsten Tour zu berichten, da unterbricht er mich und macht große Augen: „Wann genau seid ihr auf dem Ortler gewesen?“ „Vorgestern“, meint Richard. Wir ernten Kopfschütteln, dann beginnt der Bergführer zu schmunzeln. „Ja, dann haben wir uns wohl knapp verpasst. Vor zwei Tagen hab ich selbst auch eine Gruppe über den Hintergrat geführt. In der Hütte seid ihr mir aber nicht aufgefallen. Wann seid ihr denn am Gipfel gewesen?“ Wir rechnen kurz durch. „Es muss ziemlich genau halb 8 gewesen sein.“ „Ach sagt bloß! Wir auch!“

    Langsam dämmert es uns. Die Erinnerungen holen uns ein. Da war doch der Bergführer mit den zwei Gästen, der uns so freundlich hat vorgehen lassen. Wir lachen laut auf. Zufälle gibt’s - als gäbe es nur die zwei Berge auf der Welt. Aber wie lautet doch der schöne Spruch? Man sieht sich immer zwei Mal im Leben. Spätestens jetzt ist das Eis gebrochen. Wir sitzen noch den ganzen Abend zusammen am Tisch, reden über unsere Heimat, das Klettern in der Sächsischen Schweiz, die Schönheit Südtirols, Reinhold Messer, 8000er, den Beruf des Bergführers mit seinen Sonnen- und Schattenseiten, über das Risiko des Gehens am kurzen Seil, die 4000er der Alpen aber auch über die vielseitigen Freuden, auf kleinen Gipfeln dieser Welt unterwegs zu sein. Beinah vergessen wir unterdessen das morgige Vorhaben. Mit dem Sonnenuntergang geht es dann aber doch in den Schlafsack. Langsam wird es ruhig im gut gefüllten Biwak. Die Ersten beginnen bald, leise zu schnarchen. Ich liege noch eine Weile wach, denke an den bevorstehenden Grat. Oh Täschhorn, ich hab ein gutes Gefühl.

    Wie immer in der Höhe vergehen die wenigen Nachtstunden langsam. Ein geruhsamer Schlaf ist mir nicht vergönnt und doch bin ich froh, als endlich der Wecker klingelt. Wir gehören zu den ersten Seilschaften, die sich fertig machen. Wenn ich am Berg abseits von Lawinen sowie Eis- und Steinschlag etwas nicht mag, dann ist es Gedränge. Das gleichzeitige Aufstehen und Frühstücken mit zahlreichen Seilschaften, der permanente Blick auf die Uhr, der kritische Blick hinüber zu den anderen und das Taktieren um den günstigsten Abmarschzeitpunkt bedeuten für mich Stress pur. Aber 2h vor den anderen aufstehen und den gesamten Grat mit seinem nicht immer eindeutigen Wegverlauf in der Finsternis klettern, ist auch nicht gerade verlockend.
    Wir verlassen das Biwak um 3.30Uhr und haben Glück. Die ersten beiden Seilschaften sind gute zwanzig Minuten voraus, die anderen noch im Bett oder mit dem Rucksackpacken beschäftigt. Einzig der italienische Bergführer mit seinem Gast steht im Schein der Stirnlampe neben uns bereit. Wieder ist er die Ruhe selbst und lässt uns voraus gehen. Wir nehmen sein Angebot dankend an.
    Das Besondere am Täschhorn ist, dass es ohne Aufwärmphase direkt losgeht. Zehn Meter hinter der Hütte beginnt der Grat, zwar zunächst recht gemütlich im I- IIer Bereich, doch ab dem Einstieg bewegt man sich permanent im ausgesetzten Gelände, das keine Zeit für Nachlässigkeiten bietet. Indem wir das Seil erstmal im Rucksack lassen, können wir einen kleinen Abstand zu unseren Nachfolgern aufbauen. Richard steigt sicher voraus und belässt es bei 1- 2 kleineren Verhauern, die uns aber nicht lange aufhalten. Zu Beginn bleibt die Route oft in der fast schneefreien Nordseite, später geht es direkt auf den Grat. Wir klettern trotz des zumeist brüchigen Gelände schnell, vielleicht zu schnell, denn bald macht sich die Höhe bemerkbar. Während Richard hinter einem kleinen Gendarm verschwindet, bleibe ich kurz stehen und versuche, meinen Puls zu beruhigen. Während ich tief also tief durchatme, lasse ich meinen Blick wandern. Drüben von Matterhorn und Dent Herens scheint der Mond herüber und entwirft damit ein so schönes wie mystisches Bild, dass ich trotz kalter Finger die Kamera aus dem Rucksack krame.

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    Dann drehe ich mich um, folge mit den Augen dem Grat und suche im Anbruch der Dämmerung nach dem Biwak. Vergeblich. Es versteckt sich hinter einem Grataufschwung.

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    Stattdessen fallen mir die steilen Flanken auf, die ein paar Meter links und rechts von mir hunderte Meter hinabstürzen. Sie sind beeindruckend und bedrohlich zugleich. Schlagartig werde ich mir bewusst, dass mich kein Seil von diesem Abgrund fernhält und es nur einen falschen Schritt oder einen losen Griff bräuchte, um mich von diesem schmalem Grat ins Nichts zu werfen. Für einen kurzen Moment steigt der Puls wieder an. Diese Situation ist nichts Neues für mich und doch nehme ich den Augenblick intensiver wahr als sonst. Auf was habe ich mich hier eigentlich eingelassen? Ich versuche die Zweifel wegzuschieben und rede mir leise gut zu. Um nicht immer in die gähnende Leere schauen zu müssen, richte ich den Blick nach oben. Der schwarze Schatten des Gipfels wirkt in der Dunkelheit so nah und doch scheint es, als wären wir ihm in der letzten Stunde kaum nähergekommen. Dann sehe ich etwa fünfzig Meter über mir eine Stirnlampe hinableuchten. Es ist Richard, der auf mich wartet. Mit einem Mal ist alles Grübeln vorbei. Ich ergreife eine Felszacke, ziehe mich an ihr hoch und setze den Fuß auf den nächsten Tritt. Es fühlt sich gut, ja irgendwie fast wieder kinderleicht an, und ich bin dankbar, hier zu sein.

    Bald schließe ich zu Richard auf. Er steht vor einem 6- 7m steilen Aufschwung, der mit Eis und Pulverschnee überzogen ist und wenig einladend aussieht. Unter dem Schnee warten brüchige Griffe und Tritte, die dem Klettern eine gewisse Würze verleihen werden. Da es hier eh nichts zu sichern gibt, entscheiden wir ohne langen Diskussionsbedarf, weiterhin frei hinauf zu steigen.
    Zuvor genießen wir aber noch den Sonnenaufgang - ein beeindruckender Moment, der uns nochmal kurz durchatmen lässt.

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    Nach dieser durchaus kniffligen Stelle wird es wieder leichter, doch von nun an nehmen die Schneepassagen zu. Vor allem die kurzen aber bisweilen ziemlich ausgesetzten Firngratabschnitte erfordern volle Konzentration und lassen uns immer wieder mit dem Kopf schütteln. Sie sind im fortgeschrittenen Sommer schon arg zusammengeschmolzen und machen an vielen Stellen einen fragilen Eindruck. Also tasten wir uns langsam voran und sind zugleich froh, so früh dran zu sein. Später im sulzigen Zustand wird der Balanceakt sicher weniger Spaß machen.

    Die Gedanken an den Abstieg schieben wir schnell wieder von uns, denn nun wartet der steile Schlussanstieg. Im Führer wird hier das verhältnismäßig feste Gestein gelobt, das im Vergleich zum bisherigen Aufstieg wahre Kletterfreuden hervorrufen soll. Wir merken davon nichts. Stattdessen präsentiert sich uns ein große, aber durchaus steile Bruchflanke, in der es zum Kunststück wird, keine losen Steine auf die unter uns aufsteigenden Seilschaften zu schießen.

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    Da die Sicherungsmöglichkeiten weiterhin kaum vorhanden sind, bleibt das Seil auch während des letzten Abschnitts im Rucksack. Also werde ich es auch wieder hinuntertragen dürfen. Aber hinterher ist man immer schlauer. Im Zickzack geht es nach oben, das lose Gestein beschert uns eine rutschige Angelegenheit. Ich fluche ein paar Mal leicht vor mich hin, wenn wieder ein vorsichtig geprüfter Griff ausbricht und mir einen kleinen Schockmoment beschert. Da der Blick nach unten die Anspannung nicht geringer werden lässt, fokussiere ich mich allein auf die nächsten paar Meter. Wir müssen jetzt ungefähr auf dessen Gipfelhöhe sein. Weit ist es also nicht mehr.

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    Zuletzt geändert von Wette; 25.01.2019, 15:13.
    "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
    Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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    • #3
      Und Tatsache - mit einem Mal legt sich das Gelände tatsächlich schlagartig zurück. Vor uns baut sich auf dem kleinen Plateau das Gipfelkreuz auf - noch ein paar Schritte und wir sind oben, exakt drei Stunden nach unserem Start. Die erste Seilschaft macht sich gerade auf den Weiterweg zum Dom. So spannend die Überschreitung auch aussieht, wir sind froh, es erst einmal beim Täschhorn zu belassen.



      Stattdessen suchen wir uns nach dem obligatorischen Gipfelbild ein gemütliches Plätzchen und lassen für einen Moment die Anspannung abfallen. Der Aufstieg hat weniger Kraft aber dafür einige Nerven gekostet. Das sächsischen Klettern stellt in diesem Sinne zwar eine gute Vorbereitung dar, an die Westalpendimensionen und die damit verbundenen Tiefblicke muss ich mich aber immer wieder aufs Neue erst einmal gewöhnen. Doch nun lassen wir die Aussicht auf uns wirken. Vom zehnthöchsten Gipfel der Alpen gibt es schließlich viel zu sehen.

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      Nach einer halben Stunde geht es auf den Rückweg. Langsam machen sich durch die Höhe dumpfe Kopfschmerzen breit. Es ist an der Zeit abzusteigen. Wie gern würde ich jetzt ganz monoton ein sanften Gletscherhang hinabstapfen. Stattdessen führt mein Blick den langen, steilen Grat hinab –unser einziger Verbindungsweg zurück in die Zivilisation. Der permanente Blick in den Abgrund schärft wieder im Nu die Sinne. Hier sind die Grenzen von Schönheit und Gefahr fließend. Richard ist schon ein paar Meter voraus. Ich schieße ein letztes Foto, atme nochmal tief aus und dann geht es die nächsten drei Stunden nur noch abwärts.

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      Pünktlich um 10Uhr erreichen wir glücklich und stolz, aber auch ein wenig ausgelaugt das Biwak. Diese sechs Stunden voller Anspannung waren anstrengender als so mancher 14h Hatscher. Während wir bei Kaffee und Schoki den Energiehaushalt wieder auffüllen, stellt Richard die alles entscheidende Frage: „Und? Wollen wir nun noch auf den Alphubel?“
      Hm. Während des ganzen Abstieges hatte ich darüber nachgedacht, stets den markanten Nordgrat vor Augen, konnte mich aber zu keiner Entscheidung durchringen.

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      Vor ziemlich genau zwei Jahren bin ich dort schon hinauf und hatte so den Alphubel von meiner Liste gestrichen. Für Richard ist es jetzt eine gute Gelegenheit, selbiges zu erreichen. Ich hatte mir vorab fest vorgenommen, ihm diesen Gefallen zu tun, es sind ja auch nur 400hm und vielleicht 1,5h. Wenn doch nur die bleiernden Kopfschmerzen nicht wären. Der Abstieg über den Weingartengletscher ist verlockend, der erneute Aufstieg eher weniger. Es ist immer das gleiche. Wenn ich noch nicht gut akklimatisiert bin, fällt mir jeder Schritt oberhalb der 4000m doppelt schwer. „In jedem Fall müssten wir in einer halben Stunde spätestens los“, meint Richard mit Blick auf die Uhr. Die Vorstellung von einem weiteren langen Aufstieg- und Abstieg bei Hitze und im Sulzschnee wie am vorherigen Tag schreckt uns von zu langer Trödelei ab.

      Bald darauf verlassen wir mit vollem Gepäck unsere kleine Unterkunft und stapfen wieder bergan - Richtung Alphubel. Nach 20 Metern und dem ersten steileren Aufschwung habe ich das Gefühl, dass mir mein Kopf gleich zerspringt. Richard sieht mir die Schmerzen förmlich an und wartet nur auf mein Umkehrsignal. So leicht will ich es mir dann aber nicht machen. Stattdessen fluche ich viel. Aber solang das noch geht, kanns um mich nicht so schlecht bestellt sein. „Geh du schon mal vorweg. Ich mach ein bisschen langsamer und dann wird das schon“, ruf ich ihm zu und quäl mich wieder ein paar Schritte vorwärts. Der weitere Aufstieg wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Der Kopf dröhnt, die Sonne knallt, der Helm drückt und unter dem nun wieder schwereren Rucksack wanke ich voran. Die Kletterei ist nie wirklich schwer, um einiges leichter als vorhin am Täschhorn, doch ein Stolperer bleibt keine Option. Langsam wird mir klar, dass seilfreies Klettern vielleicht nicht die cleverste Idee ist, aber Richard ist schon zu weit voraus. Immer wieder mahne ich mich zur Konzentration, auch wenn es schwer fällt. Der Vergleich mag hinken und doch kann ich in diesem Moment die vielen Abstürze an den großen 8000ern nur zu gut nachvollziehen. Die Kopfschmerzen machen mich auf Dauer mürbe, ein Schleier legt sich um die Wahrnehmungen und ich werde unvorsichtig, weil dieses gefühlte Nichtvorankommen die Situation noch unerträglicher macht. Also pausiere ich wieder, schließe kurz die Augen und versuche, mich erneut auf das Wesentliche zu fokussieren. Hier willst du nicht abstürzen. Also immer mit der Ruhe. Zwischendurch denk ich an Richard, wie er irgendwo in der Hitze auf mich warten muss und bekomme ein schlechtes Gewissen. Aber ihm wird’s wohl ähnlich gehen.

      Irgendwann seh ich ihn dann über mir. Ich bin am letzten steilen Schneefeld angelangt und meine sogar, aus der Entfernung sein Grinsen sehen zu können. Da oben wird’s flacher, dann ists also geschafft. Im 45° Gelände mobilisiere ich nochmal alle Kräfte und stapfe mühsam in gutem Trittschnee nach oben. „War das eine Scheiße“, schallt es aus mir heraus, als ich oben ankomme. Wir lachen beide, noch nicht ahnend, dass der Gipfel des Alphubels noch 30 Minuten weg sein wird, da wir im Mittagssulz von nun an teilweise knietief spuren dürfen. Also beiße ich die Zähne nochmal zusammen und um kurz vor 13Uhr haben wir den zweiten 4000er in der Tasche.

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      Es soll das letzte Bild des Tages werden. Am Horizont sind bereits Quellwolken aufgezogen, also machen wir uns ohne Umschweife weiter an den Abstieg. Über die fast blanke Eisnase verlieren wir zügig an Höhenmetern und mit einem Mal verschwinden auch die Kopfschmerzen. Stück für Stück werde ich wieder lebendiger, bin gar wieder fähig zu scherzen und renne förmlich den Gletscher bergab, sodass Richard, mit dem ich mich mittlerweile zur Seilschaft verbunden habe, zu tun hat, am gespannten Seil hinterherzukommen. Der weitere Abstieg ins Tal verläuft ganz unspektakulär. Einen schönen Moment erleben wir aber am Ende des Gletschers, als bei einer kleinen Pause die beiden Augsburger zu uns aufschließen. Seit dem Biwak waren wir keinen Menschen mehr begegnet, nur die beiden sind außer uns noch unterwegs. Sie waren eine halbe Stunde vor uns auf dem Alphubel gewesen, hatten im Abstieg dann aber unabsichtlich einen kleinen Umweg genommen. Wir gratulieren uns zu unseren Gipfeln und freuen uns über das unverhoffte Wiedersehen. Dann geht es weiter bergab. Um 16Uhr erreichen wir bei gefühlten 30°C die Täschalp. Ein kühles Bier empfängt uns. Nun werden die Füße hochgelegt. Heißa, war das eine Tour!

      Wer denkt, dass nun eine Pause auf dem Programm stünde, irrt. Zwar herrscht am Abend Einigkeit darüber, dass uns von den Bergstiefeln und den großen Gipfeln ein wenig Abstand sicher gut tun würde, doch ist der Akku gerade erst warm gelaufen, als dass wir nun die Beine hochlegen könnten. Also stehen wir am nächsten Morgen nach ausgiebigem Croissant- und Schokogebäck- Frühstück voller Motivation in Visp, nehmen die Rennräder vom Dach und rollen wieder bergauf. Die „Mossalp- Runde“ stellt mit ihren 50km und 1400hm ein gutes Programm nach den letzten beiden anstrengenden Tagen dar. Unterwegs holt uns ein kleines Gewitter ein. Anfangs kämpfen wir noch heldenhaft mit dem Regen, finden uns später aber halb durchnässt unter einem kleinen Garagenvordach wider. Trotzdem bringen wir die Runde noch zu Ende und legen damit einen soliden Grundstein für das Mammutprogramm des folgenden Tages.

      Nachdem wir im letzten Jahr während unseres Bergurlaubs mit dem Galibier, Col d’Izoad, Alp d’Huez und Mont Ventoux vier namhafte Anstiege der Tour de France abgefahren hatten, wollten wir nun im Herzen der Schweiz auch ein paar Pässe angehen. Schnell war der Gedanke aufgekommen, mehrere Pässe miteinander zu kombinieren, um den Anspruch ein wenig zu steigern. Heraus kam die Kombination von Nufenen- , Gotthardt- und Furkapass: eine Strecke von 100km garniert mit knackigen 3000 Höhenmetern. Vor allem letztere Zahl ließ mich am Abend mit einem Bauchgrummeln eingeschlafen. Mehr als 2000hm am Stück hatte ich bisher noch nicht auf den Tacho gebracht und die Beine waren mittlerweile auch nicht mehr die frischesten. Das Bier und die Flasche Wein am Abend gaben zwar neue Zuversicht, doch als wir am nächsten Morgen um kurz nach 9Uhr in Ullrichen, einem kleinen Ort zwischen Fiesch und Gletsch im Herzen des Rhonetals, losrollen, sind die Bedenken schlagartig zurück. Ohne Warmlaufphase geht es direkt steil los. Wir biegen im Ortkern rechts ab und es dauert keine zehn Minuten, bis wir zweistellige Prozentzahlen erreichen. Daran soll sich auf den nächsten 13 Kilometern nicht viel ändern. Ich will runterschalten, muss jedoch schnell erkennen, dass ich schon im kleinsten Gang fahre. Im gleichen Moment kommen fünf Motorräder an mir vorbeigerauscht. Weniger später höre ich schon aus weiter Entfernung die nächste Gruppe heraneilen. Das kann ja heiter werden. Ich stell mich auf einen langen Tag ein und versuche meinen Rhythmus zu finden. Richard hat mich derweil längst überholt und verschwindet hinter der nächsten Kurve im Schatten einer kleinen Baumreihe.

      Es dauert eine Weile, doch als wir die ersten Serpentinenpassagen erreichen, die das steilste Stück ankündigen, bin ich im Flow. Meter für Meter komme ich Richard wieder näher, der mir zeitweise ganz schön enteilt war. Wenn nur die Hitze nicht wäre. Bestes Badewetter hätt es heute gehabt, strahlend blauer Himmel und 24° schon um 10Uhr morgens, doch wir quälen uns lieber die Berge hinauf. Aber Ruhetage werden ja überbewertet. Welch Dejavu.

      Langsam wird auch der Verkehr mehr. Neben den vielen Motorräder überholen uns nun immer mehr Autos und Wohnwagen - mal mit größerem Abstand, mal ist es knapper. Meist bekomme ich davon aber nicht allzu viel mit. Mein Blick geht nach oben, wo ich mir das Ende des ersten Drittels der „Leiden“ herbeisehne, und natürlich nach vorne zu Richard, dem ich seit der letzten Kehre wieder ein paar Meter abgenommen habe. Irgendwann ist es dann tatsächlich geschafft, ich schließe zu Richard auf und gemeinsam rollen wir die letzten Höhenmeter zum Pass hinauf. Oben gibt’s das erste Siegerfoto, zwei werden hoffentlich noch folgen.

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      Beim Verschnaufen merke ich bereits, dass ich den ersten Abschnitt wohl zu schnell angegangen bin. Das wird sich noch rächen, ganz gewiss. Aber erstmal kommt die Abfahrt - 23 schmerzfreie Kilometer hinab nach Airolo mit bis zu 75km/h. Da lässt sich sogar manches Kfz abhängen. Doch auch der schönste Rausch der Geschwindigkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Pünktlich zur Mittagszeit biegen wir auf die Südrampe des Gotthardt- Passes ein, das Thermometer zeigt 30° und der Schokoriegel in der Trikottasche ist längst geschmolzen. Die nächsten 1000Hm verlaufen wie erwartet: zäh. Wir fahren die berühmte Tremola- Trasse hinauf, ein Mythos, der vor Geschichte nur so trieft. Bekannt ist die wohl bekannteste Passstraße der Schweiz unter Radfahrern vor allem für ihr Kopfsteinpflaster, das sich kilometerlang zur Passhöhe zieht. Man liebt es oder hasst es. Für Richard, der der ersten Kategorie angehört, geht mit der Auffahrt ein langer Traum in Erfüllung. Mit welchem Strahlen er mir Fotos dieser Strecke gezeigt hat. Da konnte ich einfach nicht anders, als „ja“ zu sagen. Wieder fährt er ein kleines Stück vor mir und in jeder Kehre winkt er von oben herab zu mir hinunter, als wolle er sagen: „Ist es nicht toll? Was kann es in diesem Moment wohl Schöneres geben?“

      Ich winke zurück und quäle mir ein Lächeln übers Gesicht, und doch wünsche ich mir in meinem Inneren nichts lieber, als eine frisch geteerte Asphaltstraße. Und dazu eine kalte Cola. Ja, vor allem dieser Gedanke an eine Cola lässt mich in der letzten halben Stunde einfach nicht los. Und so fahre ich weiter monoton gegen die unebenen Pflastersteine an, werde dabei munter durchgeschüttelt und frage mich wie so oft, was ich hier eigentlich mache.

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      Irgendwann ist Richards Traum dann auch endlich gelebt und wir erreichen unsere zweite Passhöhe. Schon auf den letzten Metern verziehen sich die Qualen merklich vom Gesicht und weichen einem abgekämpften aber stolzen Lächeln. Zu unserer Überraschung platzen wir mitten in ein kleines Volksfest hinein und werden mit Livemusik einer Rock n Roll- Band empfangen. Wir schieben unsere Rädern durch einen dichten Pulk von Menschen und wenig später rinnt sie mir die Kehle hinunter –die wohl beste Cola meines Lebens. Ein Moment des Glücks. Dann gibt’s noch ein Bier, bevor wir die Menschentraube wieder verlassen. Schließlich wartet noch ein letzter Anstieg.

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      Der dritte Pass des Tages wird erwartungsgemäß der härteste. Auch weil der Hintern langsam genug von der vielen unbequemen Sitzerei hat. Mittlerweile hat es 32°, die Sonne gibt nicht nach. Schon früh muss ich Richard ziehen lassen. Ich lasse es ein paar Mal klicken - kleinster Gang, was wäre ich nur ohne dich? Jetzt rächt sich wie erwartet das hohe Tempo am Nufenen. Mit müden Beinen quäl ich mich die ersten zweistelligen Prozentrampen hinauf, denke nur ans Absteigen, will das Rad am liebsten den Berg hinaufschieben und doch fahr ich weiter. Ötztaler Radmarathon? Den kannst du schön allein fahren, Richard.

      Immer wieder werde ich von Autos oder Motorräder überholt, die wenig später links und rechts am Rand anhalten und Selfies von sich und der angeblich traumhaften Landschaft machen. Welche Landschaft? Für mich gibt es nur die nächsten 50, höchstens 100Meter. Und jedes kleine Stück bringt mich der Passhöhe näher. Nur das zählt. Die letzten Kilometer werden nochmal zum Psychospiel, wie es in meinem Radbuch so schön beschrieben war. Aus Serpentinen wird eine lange Gerade, die sich aber ewig hinzuziehen scheint und bei der zunehmend das Gefühl aufsteigt, nicht vom Fleck zu kommen.

      Nach anderthalb Stunden ist es dann aber doch geschafft. Richard wartet an der Passhöhe, natürlich freudestrahlend, als wären wir grad irgendeinen Dresdner Buckel raufgefahren. Ich brauch stattdessen erstmal drei Minuten für mich zum Durchatmen. Dann kann ich aber doch wieder lachen. Und wie! Stolz, Freude und Erleichterung mischen sich. Wir machen ein letztes Erinnerungsfoto und lassen es dann nur noch laufen - bergab, Richtung See, zum kalten Bier.

      Der nächste Tag steht unter nur einem Motto: Erholung. Wir fahren nach Täsch zum Schalisee, der uns bei wieder knapp 30° zur perfekten Wohlfühloase wird.

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      Am frühen Abend holen wir den neuesten Wetterbericht für die nächsten Tage ein. Im Wallis wird’s unbeständig - weiterhin viel Sonne aber starke Gewitterbildungen ab der Mittagszeit. Kritisch schauen wir zum Weisshorn hinauf. Da sollte es eigentlich hingehen, aber nun? Einen schöneren Präsentierteller als den Ostgrat gibt es für ein Gewitter wohl kaum. Tja…man muss das Glück nicht auf die Probe stellen. Also planen wir um. Und siehe da, ich trau meinen Augen kaum, als ich die Wettervorhersage für Chamonix vorlese. 4 bis 5 beständige Tage, viel Sonne und eine vergleichsweise geringe Gewittergefahr. Natürlich kenn ich jetzt kein Halten mehr. „Richard, jetzt müssen wir es wagen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ich brauche ihm nicht einmal erklären, woran ich denke. Er weiß sofort Bescheid. „La Traversée Royale?“ Ja, der Königsweg, so heißt die ausgemalte Route in französischen Kreisen. Richard geht in sich, denkt an die nicht unanspruchsvollen Kletterstellen an der Aiguille Bionnassay, an den höllisch schmalen Firngrat hoch über Chamonix, die angstmachenden Schilderungen aus unseren Gebietsführern. Dann nickt er. „Gut. Ab zum Mont Blanc. Gehen wirs an!“

      Keine 24 Stunden später sitzen wir nach gemeistertem Zustieg auf der Refuge du Conscrits, 1600m oberhalb von Chamonix und hören gedankenversunken dem leisen Summen unseres Kochers zu. „Der knapp 3Km lange Gipfelfirst der Domes de Miage stellt eine der schönsten Gratüberschreitungen der Alpen dar“, lese ich Richard aus dem Führer vor. „Der Grat ist luftig und an einigen Stellen auch ausgesetzt, aber insgesamt gutmütig. Man fühlt sich ein wenig wie ein Wellenreiter, spielerisch einfach surft man über die gefrorenen Wogen des Berges…“ Was sich anhört wie ein Nachmittagsausflug, ist die erste Kür im Aufstieg zum Mont Blanc und nichts, was wir auf die leichte Schulter nehmen sollten…

      Gewohnheitsmäßig verlassen wir die Hütte am nächsten Morgen als erste Seilschaft. Zur Mittagszeit sind entgegen der ursprünglichen Voraussagen nun doch Gewitter angekündigt und ein drei Kilometer langer Grat ist in unseren Augen nicht der beste Ort, um von Blitz und Donner erwischt zu werden. Mit dem ersten Tageslicht erreichen wir nach eintönigem Moränengelände mit der Aiguille de la Bérangère (3425m) unser erstes Zwischenziel. Von hier aus eröffnet sich der Blick auf den ersten der drei Miage- Gipfel. Im Hintergrund versteckt sich der Mont Blanc in dichten Wolken.

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      Nach einem kurzen felsigen Abstieg wartet die erste tückische Stelle auf uns. Die Hüttenwartin hatte uns vorgewarnt, die anschließende Firnquerung sei derzeit sehr vereist und äußerst steinschlaggefährdet. Als wir uns ein Bild von der Lage machen, wird schnell klar, dass wir eine Alternative brauchen. Im Minutentakt fliegen von den rechten, brüchigen Felsen Steine herab, da müsste man schon sehr schnell sein und auch ein wenig auf das eigene Glück vertrauen. Wir wählen die vermeintliche Sicherheitsvariante und weichen in das brüchige IIer Gelände aus, auch wenn es mehr Zeit kostet. Von weiter oben, dem flacheren Teil des Firnhangs aus, sehen wir, wie die ersten anderen Seilschaften nachkommen. Sie gehen den direkten Weg durchs Eis, teilweise mit Eisschrauben sichernd. Permanent hören wir es hinter uns poltern, immer wieder zusammenzuckend und hoffend, dass die Geschosse niemanden erwischen.

      Leider bekomme ich zwei Tage später, noch während unseres Abstiegs nach Chamonix, eine SMS von einem guten Freund mit dem Link eines Zeitungsartikels: „3 Bergsteiger im Mont- Blanc- Gebiet an den Domes de Miage tödlich verunglückt“ - daran angeschlossen die Frage, ob es uns gut geht. Später recherchiere ich ein wenig und finde bestürzt heraus, dass die Gruppe, welche die gleiche Route einen Tag nach uns gegangen ist, tatsächlich genau an dieser Stelle zu Tode kam. Der Seilletzte war in einem steilen Stück des beinah blanken Gipfelhangs gestürzt und hatte die anderen beiden mitgerissen.

      Von diesem tragischen Ereignis noch nichts ahnend, erreichen Richard und ich den höchsten Punkt der Miage- Kette (3670m). Von hier aus verengt sich der Firngrat zusehends, bis bald das angekündigte „Wellenreiten“ beginnt. Ganz so entspannt, wie es im Buch klang, wird es nicht. Der bisherige Sommer war sehr felslastig. Nun gilt es, die ein wenig vergessenen Fähigkeiten im Firn und Eis wiederzubeleben. Viele vereiste Engstellen erfordern dafür volle Konzentration. Das Seil lassen wir im Rucksack - so verlockend das Gefühl von ein wenig Sicherheit auch sein mag.

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      "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
      Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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      • #4
        Nach einer guten Stunde erreichen wir den letzten Firnaufschwung und können entspannt zurückblicken. Der Weiterweg verläuft weitestgehend im Fels. Von hier aus können wir bereits unser Tagesziel, die „Refuge Durier“ (3370m) sehen, ein scheinbarer Katzensprung.

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        Ganz so schnell geht es dann aber doch nicht, vor allem weil sich der gesamte Gratverlauf gefühlt in der Selbstauflösung befindet. Hier zeigt sich das Auftauen des Permafrosts von seiner garstigsten Seite. Das Ausbrechen von Griffen und Tritten sowie das Poltern von losgetretenen bzw. selbst hinabstürzenden Gesteinsbrocken begleitet unseren gesamten Abstiegsweg. Umso glücklicher sind wir, als endlich - pünktlich zur Mittagszeit und nach gut 7,5h Gehzeit - die kleine Hütte vor uns auftaucht. Im Hintergrund zeigt sich das erste Tagesziel der morgigen Königsetappe.

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        Wir gehören zu den ersten Ankömmlingen des Tages. Eine 3er Seilschaft aus Österreich, die direkt aus dem Tal aufgestiegen war, erscheint fast zeitgleich. Die junge französische Hüttenwirtin verkündet uns direkt, dass es nicht dabei bleiben wird: „It will be cozy. 23 people for 23 beds“. Sie wird Recht behalten.

        Am frühen Nachmittag bricht das angekündigte Gewitter über uns herein. Wir verkriechen uns mit einem unguten Gefühl in die Hütte, da wir kurz vorher noch eine größere Seilschaft im Abstieg von den Domes de Miages gesehen haben. Eine halbe Stunde später können wir aufatmen, als vier Sachsen abgekämpft aber wohlbehalten eintreten. Wie klein die Welt doch ist. Einer von ihnen bekam einen größeren herabfliegenden Stein auf den Oberschenkel, wodurch die Gruppe viel Zeit verloren hat. Und dann krachte es nur noch um sie herum - Pickelsummen inklusive.
        Wir hocken in der winzigen Refuge, die nur aus einer schmalen Küche und dem Aufenthaltsraum besteht und lauschen dem Bericht der vier. Zwei von ihnen wollen am morgigen Tag direkt absteigen, da die Oberschenkelverletzung keine größere Tour mehr zulässt. Die anderen beiden, offensichtlich ein Pärchen, ringen noch mit sich und ihrer Entscheidung. Ihr geht es durch die Höhe schlecht, sie ist aufgrund des langen Tages ausgelaugt und hat sich zudem eine riesige Blase gelaufen, die mich bei einem kurzen Blick so erschreckt, dass ich wegschauen muss. Hart im nehmen scheint sie ja zu sein - das muss man ihr lassen. Aber ob es so klug ist, morgen diese Tour anzugehen? Sie planen bis zum Vallot Biwak zu gehen und dort zu nächtigen. Ich denke umgehend an die Bilder und Geschichten von diesem Saustall, an die nicht zu unterschätzende Höhe, die Kälte. Die Österreicher versuchen sie von dem Plan abzuhalten, doch sie haben wenig Erfolg. Sachsen haben ihren eigenen Kopf.

        Wenig später gibt’s das lang ersehnte Abendessen. Trotz der einfachen Verhältnisse hier oben hat die Hüttenwirtin Manon ganz allein ein Drei- Gänge- Menü aus Frühlingssuppe, Nudel- Schinken- Gratin und Kuchen gezaubert. Da der Tisch in der Mitte nur für ein Dutzend Hungrige Platz bietet, müssen wir in zwei Etappen essen. Richard und ich sind in der zweiten Runde dran und dürfen/müssen derweil noch in unseren kleinen schachtelartig angeordneten Schlafkojen ausharren. Manon teilt uns später mit, dass es in der gleichen Konstellation morgen Frühstück gäbe und wir gg 3.15Uhr dran seien. Wir müssen uns dem fügen, auch wenn wir aufgrund der Länge der morgigen Tour gern etwas früher aufgebrochen wären. Zu den Verhältnissen hat sie dann aber noch ein paar gute Nachrichten parat: „The climbing part is dry, the ridge is icy but ok, no wind tomorrow“. So können wir etwas beruhigt schlafen gehen. Und doch bin ich nervöser als sonst. Dieser schmale Grat macht mir Angst. „Hat man an den Domes de Miage erfolgreich das Gehen mit Steigeisen (wieder) erlernt, folgt an der Aiguille de Bionnassay die Reifeprüfung. Dieser Grat, so kann man ohne Übertreibung sagen, ist ein Superlativ, einer der luftigsten Firngrate der Alpen, […] ein Test für den Gleichgewichtssinn auf einer atemberaubend schmalen Firnschneide. Wer ihn erfolgreich bestanden hat, darf sich zur Reifeprüfung des Gratbergsteigens gratulieren.“ Auch ohne Buch habe ich die Sätze aus dem Führer direkt vor Augen, so oft habe ich die Zeilen nun schon gelesen. Irgendwann holt mich die bleierne Müdigkeit aber doch ein.

        Um 3.45Uhr verlassen Richard und ich als erste der zweiten Gruppe die Hütte. Im Schein der Stirnlampen steigen wir über Blockgelände, Schneefelder und einen kurzen aber schmalen Firngrat zur ersten Schlüsselstelle - den Felskletterteil, der immerhin Stellen bis 4b abverlangt. Ein Blick des ersten Abschnitts am Vortrag fotografiert:

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        Dabei überholen wir noch die Österreicher, die uns freundlicherweise vorlassen. Hier seilen wir an und Richard steigt vor. Trotz des abendlichen Regens ist der Fels wie erhofft trocken und lässt sich bei moderaten Schwierigkeiten wunderbar klettern. Einen kurzen Schockmoment erleben wir, als Richard nach der ersten Seillänge die Stirnlampe vom Helm rutscht, die Eisflanken hinabkullert und nach wenigen Sekunden in einer tiefen Gletscherspalte verschwindet. Solche Vorfälle können im Normalfall das Ende einer Tour bedeuten. Wir beraten kurz. Noch ist es bittere Nacht und die Sicht ohne Lampe geht gegen Null, doch bis zur Dämmerung sind es vlt noch 30- 40Minuten. Warten ist bei den kalten Temperaturen wenig verlockend, also gehen wir das Risiko ein und klettern weiter. Ich gebe Richard, der sich schon wieder das ganze Sicherungsmaterial umgehangen hat, meine Stirnlampe. „Kannst du ohne klettern?“, fragt er stirnrunzelnd. Ich denke nicht groß drüber nach. „Muss ja. Aber bitte verlier die nicht auch noch“. Ein kurzes Grinsen und los geht’s. Der Anfang ist gewöhnungsbedürftig. Mehr als sonst ist nun der Tastsinn gefragt und das Gefühl für die Felsstrukturen. Manchmal sind es nur winzig kleine Leisten, die ich mit den Steigeisenspitzen ertaste und dann langsam belaste. Doch es klappt, wir finden unseren Rhythmus und erreichen keine dreiviertel Stunde später das Gipfeleisfeld. Zum ersten Mal verschnaufen wir ein wenig. Ich pack Kamera aus und schau zu den Domes de Miage zurück:

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        Das Firnfeld, ist steil und vereist, jetzt sind wir froh, dass wir zwei Pickel mitgenommen haben. Wir sichern die letzten 30m mit Eisschrauben und erreichen pünktlich zum Sonnenaufgang den Gipfel der Bionnassay. Kaum ein Wölkchen ist am Horizont zu sehen und die Spitze des Mont Blanc leuchtet im ersten Tageslicht. Nur wir befinden uns noch im kalten und düsteren Schatten des höchsten Berges der Alpen, als wolle man uns mitteilen, dass die eigentlichen Gefahren jetzt erst beginnen würden.

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        Wir essen eine Kleinigkeit und schauen die steile Nordwand hinab. Die Anspannung ist bei uns beiden spürbar. Die Umarmung nach Erreichen des Gipfels fiel zaghaft aus, nun stehen wir hier: am Point of no return. Wie lang habe ich von diesem Moment geträumt, wie oft daran gedacht, dass es vermutlich eh nie etwas wird. Ich habe Höhenangst. Schon seit Kindesbeinen an. Auf Aufsichtstürme kann ich gar nicht gehen. Überall wo es links und rechts von mir ins Bodenlose geht, versagen die Nerven. Nur in den Bergen ist es anders. Zwar habe ich mich lange rantasten müssen, doch es wurde immer besser. Selbst steile Nordwände kann ich begehen - weil mir der Blick nach oben Sicherheit gibt. Auch an Tiefblicke habe ich mich über die Jahre gewöhnt, nur wenn der Grat schmaler wird und mich vom rechten und linken Abgrund nicht mehr viel trennt, werden die Beine und Gedanken weich. Ja, jetzt steht die Reifeprüfung an. Aber auf eine ganz andere Weise.

        Die beiden Guides mit ihren Klienten, die den Abschluss der ersten Gruppe bildeten, verschwinden gerade aus unserem Blickfeld, die Bayern, Österreicher, Sachsen und drei Italiener liegen noch weit zurück. Wir sind auf uns allein gestellt - so wie wir es uns gewünscht hatten. „Mit oder ohne Seil?“ Richard stellt die Mutter aller Fragen. Ich zögere und schlage „mit Seil“ vor. Richard nickt. „Wie wirs besprochen haben?“, frage ich und nehme mir ein paar Meter Schlappseil ab. „Ja. Ich gehe vor und wenn du fällst, rufst du die Richtung, in die ich springen soll.“ Wie viele unzählige Male haben wir über diesen Moment gesprochen? Über die Konsequenzen eines Stolperers, über die schnellen und konkreten Kommunikationsabläufe im Fall des unerhofften Sturzes und das dafür nötige Vertrauen auf beiden Seiten.

        „Schön langsam“, rufe ich Richard zu und dann gehen wir los. Es dauert keine 20m, da wird der anfänglich noch vergleichsweise breite Grat zusehends schmaler. Die Spur weicht nun in die rechte Südseite aus. Wieder sind wir um unsere beiden Eisgeräte froh. Im teils festgefrorenen, teils aber losen, pulvrigen Schnee mit Eisunterlage hangeln wir uns die Flanke entlang. Erst suchen wir mit dem rechten Eisgerät nach Halt, dann kommt der rechte Fuß und nach kurzem Belastungstest ziehen wir den linken Fuß sowie das linke Eisgerät nach. Selten war ich so auf eine Sache konzentriert, wie in diesen Moment. Immer wieder geht der Blick nach unten durch die Beine - ein paar Hundert Meter Luft. Der Hang wird wohl nicht mehr als 50° haben, doch so eine vertikale Querung bei den tückischen Schneeverhältnissen ist Neuland für uns. Dazu bleibt die permanente Gewissheit: Wenn nun jemand ins Rutschen kommt, gibt es keine Möglichkeit, auf die andere Seite zu springen. Dann geht es gemeinsam nach unten.

        Das folgende Bild wurde von gleicher Perspektive eine Woche später durch Matthias Pilz aufgenommen. Er hat es mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt:



        Irgendwann führt die Spur wieder auf den Grat und es gibt einen kurzen Moment des Durchschnaufens.

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        Dann kommt die eigentliche Kür, der Höhepunkt der Firnschneide. Der Grat verengt sich hier so sehr, dass keine zwei Füße nebeneinander passen. Da hilft nur versetztes Gehen, ein Drahtseilakt, der eine gute Gewichtsverlagerung erfordert. Wir kennen die Bilder aus dem Internet und wieder tanzen die Zeilen aus dem Tourenführer in meinem Kopf: „Selbst gestandene Alpinisten sieht man hier häufig rittlings über die Schneide robben.“ Also los, Schönheit spielt hier keine Rolle. Wenige Sekunden später sitzen Richard und ich auf dem Grat - das linke Bein in der Nordwand, das rechte in der Südflanke.

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        50 Meter sind es von hier bis sich der Grat wieder verbreitert und in einem felsdurchsetzten Teil endet. Danach müsste das Schlimmste überstanden sein. Wir robben 5- 6 Meter nach vorne. Es funktioniert und doch fühlt es sich nicht richtig an. Nein, wir wollen uns dieser „Reifeprüfung“ stellen und uns nicht davor drücken. Also richten wir uns auf, allein das ist eine Kunst. Zum Glück weht nicht ein kleinster Windhauch. Die Sonne scheint uns mittlerweile ins Gesicht und die Glieder werden wieder warm. Es scheint, als könne uns gar kein Unglück mehr geschehen.

        Und doch ist die Anspannung nun auf ihrem Siedepunkt. Langsam setzen wir Schritt für Schritt voreinander. Richard fragt irgendwas, mir verschlägts aber die Stimme. „Kann nicht reden“, bringe ich noch heraus. Jeder einzelne Gedanke ist nur auf die wenigen Zentimeter vor mir gerichtet. Dann wandern die Augen wieder unfreiwillig nach rechts und links. Auf welche Seite willst du lieber fallen? Wo ist es wohl am schnellsten vorbei? Sicher an der felsdurchsetzten Südseite. Aber nein, fallen ist keine Option! Ich schiebe die Gedanken beiseite und schau nach vorn. Noch zwanzig Meter, noch fünfzehn, noch zehn, noch fünf, und dann ist es geschafft. Keine 10Minuten, die mir wie eine Stunde vorkamen.

        Wir atmen durch, aber vorbei ist es trotzdem noch lange nicht. Nach ein paar Metern Fels geht es wieder in den Firn. Die scharfe Linie bleibt sich treu, auch nach dem Erreichen des tiefsten Punktes am „Piton des Italiens“ (3880m) nimmt die Ausgesetztheit nicht ab. Nun geht es aber erneut bergauf, dem Dome du Gouter entgegen. Für einen kurzen Moment blicke ich zurück, beinah ehrfürchtig. Was für ein Berg! Was für ein Grat!

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        Hier eine uns unbekannte Perspektive. Der Blick auf die Nordwand. Ebenfalls aufgenommen von Matthias Pilz:



        Drei der Seilschaften vor uns sind hier rechts Richtung „Rifugio Gonella“ abgebogen, nur eine Dreiergruppe Franzosen steigt weiter Richtung Mont Blanc auf. Als die Steilheit etwas unterhalb des Dome de Gouter auf 4200m dann endlich abnimmt, können wir mal verschnaufen und in Ruhe zurückschauen. Die drei Österreicher haben gerade den Piton erreicht, die Bayern sind kurz vor dem felsigen Abschnitt des Grates.

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        Von den Italienern und vor allem Sachsen ist aber weit und breit nichts zu sehen. Wir hoffen, dass sie sich zur Umkehr entschlossen haben, da der Firn langsam weich und der Grat bald richtig ungemütlich wird. Wir schauen auf die Uhr: 9.15Uhr. Wir sind knapp fünfeinhalb Stunden unterwegs. Der technisch schwerste Teil liegt hinter uns, jetzt beginnt der entspannte Hatscher, wobei „entspannt“ in dieser Höhe der falsche Ausdruck ist. Im Abstieg vom Täschhorn hat mich die dünne Luft fast umgehaun, noch läuft alles super, aber man weiß ja nie. Ein Stückchen ist es ja noch…

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        Nach einer Verschnaufpause machen wir uns an den Weiterweg. Bald erreichen wir den Normalweg des Mont Blanc und kommen damit von der Einsamkeit in den Massenbetrieb. Die schnellen Seilschaften befinden sich größtenteils wieder im Abstieg, wer jetzt noch aufsteigt, hat zu kämpfen - mit der Höhe, mit der Kondition, mit sich selbst. Wir fühlen uns überraschenderweise noch ziemlich fit und können bis zum Vallot- Biwak mehrere Seilschaften überholen. Erst mit Beginn des Bossegrates müssen wir uns in einer kleinen Schlange einreihen. Auch hier wird der Grat schmaler und ausgesetzter, aber kein Vergleich zur Aiguille Bionnassay. Am liebsten möchte ich in die steilen Flanken ausweichen und die langsamen Gruppen überholen, so groß wächst die Euphorie, doch Richard mahnt von hinten zur Geduld.

        Ich komm mir zwischenzeitlich vor wie am Everest. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht schleichen wir hintereinander weg. Ganz vorn geht eine Frau, die nur noch von ihrem Guide gezogen wird. Drei Schritte gehen, 10 Sekunden pausieren und von vorn. Hinter uns schließen zwei ungeduldige Trailrunner auf. Ja, hier oben geht es bunt zu.

        Auf einem breiteren Schneebuckel können wir überholen und bekommen kurze Zeit später nochmal einen letzten fantastischen Blick rüber zu den Domes de Miage und der Aiguille Bionnassay.

        Route_MontBlanc.(2)jpg.jpg


        Fast steigt ein wenig Wehmut auf, aber da wäre ja noch was: genau, der Mont Blanc! Mit schnellen Schritten, insofern man auf knapp 4800m noch schnell gehen kann, stapfen wir das letzte steilere Stück nach oben. Und dann wird es schlagartig wieder flacher - das ist das Zeichen, der Gipfel naht.

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        Zuletzt geändert von Wette; 25.01.2019, 17:31.
        "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
        Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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        • #5
          Um kurz vor 12Uhr ist es geschafft, der höchste Punkt der Alpen. Ein Traum geht in Erfüllung. Wir strahlen um die Wette.

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          Schwermütige Gedanken, wie Edward Whymper sie einst auf dem Dach Europas hatte, suchen wir bei uns vergeben. Wie kleine Kinder springen wir von links nach rechts, schauen in jede Richtung und saugen alles in uns auf.
          So wird der nahe Mont Blanc du Courmayeur mit dem Gran Paradiso und seiner steilen Nordwand im Hintergrund zum Blickfang:

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          Oder die aufgereihten Brocken des Wallis:


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          …oder auch die noch ferne Aiguille du Midi und das knapp 4000m unter uns gelegene Chamonix:

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          Am eindrücklichsten ist aber die Aussicht auf die anderen 4000er des Mont Blanc- Gebiets, wenngleich Größen wie Mont Maudit, Mont Blanc du Tacul, Aiguille Verte, Les Droites, der Riesenzahn „Dent du Geant“ oder gar die Grandes Jorasses fast unscheinbar wirken von hier oben.

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          Nach all der vielen Ablenkung zwingen wir uns, die Konzentration nun wieder auf das Hier und Jetzt zu legen - den Abstieg zur „Refuge des Cosmiques“. Während auf der Normalroute von der Gouter- Hütte noch eifriger Betrieb herrscht, wirkt unsere Abstiegsseite mittlerweile wie ausgestorben. Wir freuen uns über die Ruhe und machen uns auf den Weg. Unterhalb des Mont Maudit stehen wir dann vor der zentralen Frage. Wollen wir diesen 4000er, wie vorher ausgemacht, auch noch mitnehmen? Mittlerweile ist der Schnee schon sulzig, doch die 150m wird es schon gehen. Leichter kommen wir da nicht mehr hinauf, so meine Devise. Richard geht ein paar Meter mit, entscheidet sich dann aber zu Umkehr und will weiter unten auf mich warten. Die bisherige Tour hat Spuren hinterlassen. Zaghaft stapfe ich weiter den steilen Schneehang hinauf, kraxel zuletzt über ein paar Felsen und stehe dann auf dem dritten Viertausender des heutigen Tages. Die Freude ist kurz - so ganz allein will sich keine Gipfeleuphorie einstellen. Ich fühl mich infolge der vielen Erlebnisse des Tages auch ein wenig übersättigt. Ich vergesse sogar, die Kamera für ein Foto auszupacken. Also zügig vom „verfluchten Berg“ runter und zu Richard, der sicher schon auf mich wartet.

          Wieder vereint kommen wir bald an die Schlüsselstelle des Abstieges - die 50° steile und knapp 150m lange Eisflanke, die von der Schulter des Col du Maudit auf den nordseitigen Gletscher führt. Der Großteil dieser Passage wird durch mehrere dicke Fixseile erleichtert, gut zupacken sollte man trotzdem. Wir kommen schnell voran und bald wieder in angenehmeres Gelände. Jetzt kann es doch nicht mehr so weit sein, oder?

          Die Ernüchterung folgt schnell. Nach kurzem Zick- Zack durch die Spaltenzone gelangen wir in einen flachen Kessel, hinter dem es wieder bergauf geht. Die Sonne leistet hier ganze Arbeit - wir versinken bis zu den Knien im Schnee, der Schweiß fließt. Oben angekommen dann der Blick zurück. Was für Eismassen. Und die Spur schlängelt sich zaghaft hindurch. Sollte Dimensionen findet man nur in den Westalpen.

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          Jetzt haben wir es aber geschafft, oder? Von wegen. Nach den zwei großen Eisflanken fehlt noch die dritte: der Abstieg vom Tacul. Im Zickzack geht es an riesigen Spalten vorbei und teilweise auch durch beherzte Sprünge darüber hinweg. Aber heut kann uns nichts mehr aufhalten- auch die wacklige Leiter nicht…

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          Im flachen Teil des Valle Blanche angekommen, versinken wir wieder im tiefen Sulz. Doch jetzt ist die Hütte in unmittelbarer Reichweite. Wir passieren die kleine Zeltstadt unterhalb der Cosmique und quälen uns mit mehreren Pausen den letzten Gegenanstieg nach oben - dann ist es geschafft. Fin. Ende.

          Es ist 17.30Uhr, als wir entkräftet die Steigeisen von den Bergschuhen ziehen und nach knapp 14h Gehzeit mit 2100hm endlich den Pickel in die Ecke legen können. Leider fällt die Ankunft auf der Hütte weniger freudig aus als erhofft. Von der Bergstation der Aiguille du Midi steigt gerade ein Schwall an Menschen herab. Im kleinen Schuhraum kommt alles zusammen, jeder will der Erste sein. Rücksicht wird hier klein geschrieben. Es herrscht Gedränge, überall stapeln sich Kisten an Ausrüstung, jeder sucht etwas, ich fühle mich nach der Tour in diesem Trubel fast ein bisschen verloren. An der Rezeption dann der nächste Schlag ins Gesicht. Wir zwar haben Kocher und Abendbrot dabei, Frühstück müssen wir uns trotzdem dazu buchen. 44€ pro Person macht das, im 8er Zimmer. Zu den generell saftigen Preisen fehlt auf der Hütte jegliche Gemütlichkeit. Über 100Leute sind an diesem Abend hier. Im einzigen Toilettenraum gibt es vier Kabinen und ein einziges winziges Waschbecken, aus dem ein so kleiner Rinnsal herausläuft, dass wir eine Viertelstunde brauchen, um an zwei Liter Wasser zu kommen. Überall in der Hütte ist irgendwas kaputt, teilweise notdürftig repariert, aber ohne jegliche Liebe zum Detail. Massenabfertigung scheint die Devise zu sein. Im gut gefüllten Aufenthaltsraum sitzen wir neben einer Gruppe Spanier, zehn Stück an der Zahl, allesamt in orangenen T- Shirts mit großer Aufschrift „Project Mont Blanc 2018“. Selten habe ich mich so fehl am Platz gefühlt.

          Richard nimmt es mit Humor, ich will am liebsten nichts als raus hier und am wieder in die nassen Bergschuhe steigen, um über das Vallée Blanche zur Refuge Requin abzusteigen. Nur die Vernunft hält mich davon ab. So hatte ich mir den Ausklang einer der wohl größten Touren meines bisherigen Lebens nicht vorgestellt.

          Es dauert eine Weile, bis ich mich an den Kulturschock gewöhne. Ich hätte es ja selbst besser wissen müssen. Mont Blanc - eine Welt der Kontraste. Zum Sonnenuntergang gehen wir nochmal auf die kleine Terrasse hinaus. Weiter drüben werden der Dent du Geant und die Grandes Jorasses im letzten Tageslicht angeleuchtet. Diese Schönheit entschädigt für vieles und stimmt wieder versöhnlich. Ich denk mich zurück an den Aufbruch im Morgengrauen, auf den Grat der Bionnassay, an den Gipfel des Mont Blanc und den Abstieg über die schier endlosen Gletscherweiten. Was für ein Tag!

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          Der nächste Morgen beginnt für uns spät. Wir schlafen aus und frühstücken erst, als die Massen ausgeflogen sind. Mit dem Kaffee in der Hand können wir an Nordwestflanke des Tacul beobachten, wie sich mehrere Seilschaften an der fotogenen Leiter stauen. Wir sind froh, nicht mit ihnen tauschen zu müssen, wenngleich auch für uns ein ausgedehnter Tag bevorsteht. Nur geht es für uns für uns fast nur noch bergab. Der lange Abschied über das Mere du Glace.
          Um halb9 verlassen wir die Cosmique- Hütte. Es ist ein Abschied, der nicht allzu schwer fällt.

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          Zunächst folgen wir der ausgetretenen Spur Richtung Heilbronner und bekommen dabei nochmal einen eindrücklichen Blick in die Nordseite des Mont Blanc du Tacul.

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          Dann biegen wir links ab und steuern geradeweg auf das Spaltenlabyrinth zu - Spuren Fehlanzeige. Es wird eine spannende Suche nach dem richtigen Weg.

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          Ein paar Mal kommen wir vom richtigen Weg ab. Ohne Karte und GPS landen wir immer wieder in riesigen Spaltenzonen, die wir vorsichtig und großräumig umgehen müssen. Die Schlüsselstelle bildet der Zusammenfluss vom Vallée Blanche und dem Glacier du Geant. Der Weiterweg will hier gut überlegt sein.

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          Nach knapp zwei Stunden haben wir den tückischsten Teil hinter uns gebracht und erreichen auf 2500m die Refuge du Requin. Im Hintergrund erheben sich die Dru und die mächtige Aiguille Verte in den Himmel.

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          Zuletzt geändert von Wette; 25.01.2019, 18:01.
          "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
          Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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          • #6
            Wir liegen gut in der Zeit und machen hier eine ausgiebige Rast. Wer will es uns bei dieser Aussicht auch verübeln?

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            Im Anschluss folgt der wohl gefährlichste Teil unserer viertägigen Tour. Wir verlieren den richtigen Abzweig und entschließen uns, durch eine steile Bruchflache zum Mere du Glace abzusteigen.

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            Auch hier hat das Abtauen des Permafrosts ganze Arbeit geleistet. Kaum ein Stein hält auf dem anderen. Selbst mülltonnengroße Brocken brauchen mitunter nur eine kleine Berührung und poltern anschließend unaufhaltsam Richtung Gletscher. Wie heikel das Ganze ist, merken wir erst, als ich unabsichtlich einen kopfgroßen Stein lostrete, der wild springend knapp an Richard vorbeirauscht. Das war pures Glück - selbst meine lautstarken Rufe wären da zu spät gekommen. Er revanchiert sich kurz darauf, indem auch ich nur um Haaresbreite einem pfeilschnellen Felsbrocken ausweichen kann. Aber ich kann Richard keinen Vorwurf machen. Jeder Stein, den man hier anfässt oder mit den Füßen belastet, birgt das Potential, urplötzlich zum Geschoss zu werden.
            Ja, wo lang?

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            Von der grandiosen Aussicht bekommen wir in diesen Momenten kaum etwas mit.

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            Als wir endlich unten am Gletscher ankommen, ist uns die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Da hatten wir einen fleißigen Schutzengel dabei. Nun heißt es nur noch, monoton dem aperen Gletscher Richtung Montenvers zu folgen. Irgendwann sehen wir auch wieder die ersten Menschengruppen. Je tiefer man kommt, umso größerer wird des Getümmel. Über lange Leitern führt uns der letzte Anstieg dieses zweiwöchigen Urlaubs auf den Wanderweg zurück nach Chamonix.

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            Von oben ergattern wir auch nochmal einen kleinen Blick in die Nordseite der Grandes Jorasses - ein gigantisches Bollwerk aus Fels und Eis.

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            Mit einem Augenzwinkern lassen wir kurz die Überlegung aufkommen, bequem mit der Bahn nach Chamonix abzugondeln. Doch das Siegerbier und - pizza müssen noch ein wenig warten. Die zwei Stunden schaffen wir auch noch.

            Um 17.30Uhr treffen wir nach knapp 9 Stunden im Zentrum Chamonix‘ ein. Wir sind verschwitzt, müde, ausgehungert, durstig, fühlen uns dreckig und stinkend und sind doch so im Einklang mit uns und der Welt, dass uns auch das touristisch hoffnungslos überfüllte Städtchen mit seiner Hektik und dem Gedränge nichts anhaben kann. An der Touri- Info finden wir heraus, dass der letzte Bus nach Les Contamines in vierzig Minuten fährt. Wieder muss die Pizza warten. Eines lassen wir uns aber nicht nehmen - eine kalte Cola und dazu noch ein Bier. Und so sitzen wir ein paar Minuten später an dem markanten Brunnen direkt gegenüber der Post gelehnt und stoßen an - mit Blickrichtung Mont Blanc, der sich extra für uns nochmal aus den Wolken gekämpft hat.
            Hungrig geht es dann in den Bus und auch in Les Contamines warten wir anschließend noch fast zwei Stunden auf einen freien Platz in einem der wenigen Restaurants. Doch auch das ist nur eine Randnotiz. Gegen 21Uhr kommen wir noch an unsere Pizza.

            Den letzten Abend unseres Urlaubs runden wir um Mitternacht mit einer Flasche Wein gebührend ab. Ortler, Täschhorn, Alphubel, Domes de Miage, Aiguille Bionnassay, Mont Blanc, Mont Maudit. Die Namen klingen wie Musik in den Ohren und werden für uns nun zu Erinnerungen einer unvergesslichen Reise. Der Sommer 2018, er hatte es in sich.

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            "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
            Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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            • #7
              Das Warten hat sich gelohnt! Besonders die Bilder in Richtung Dru und Verte regen mich zum Träumen an. Dass ich gerne auch einen längeren Text lese, sollte bekannt sein.

              Lustig finde ich unsere gegenläufige Einstellung zum Mont Blanc. Für dich war die Besteigung ein jahrelanger, großer Traum, während ich mir denke, irgendwann werde ich ihn wohl besteigen müssen, aber lieber nicht allzu bald.

              Den Hintergrat sind wir im vergangenen Jahr auch gegangen. Ich muss sagen, dass ich ein wenig enttäuscht war. Landschaftlich fand ich ihn schön, aber mir war es zu viel Gehen im Schutt und zu wenig Kletterei.

              Leider ist das BIld vom Täschhorn zum Dom nicht eingebunden.
              "Glück, das kann schon sein: man hat es fast hinter sich und einen Schluck Wasser noch dazu." (Malte Roeper)

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              • #8
                Zitat von placeboi Beitrag anzeigen
                Das Warten hat sich gelohnt! Besonders die Bilder in Richtung Dru und Verte regen mich zum Träumen an. Dass ich gerne auch einen längeren Text lese, sollte bekannt sein.

                Lustig finde ich unsere gegenläufige Einstellung zum Mont Blanc. Für dich war die Besteigung ein jahrelanger, großer Traum, während ich mir denke, irgendwann werde ich ihn wohl besteigen müssen, aber lieber nicht allzu bald.

                Den Hintergrat sind wir im vergangenen Jahr auch gegangen. Ich muss sagen, dass ich ein wenig enttäuscht war. Landschaftlich fand ich ihn schön, aber mir war es zu viel Gehen im Schutt und zu wenig Kletterei.

                Leider ist das BIld vom Täschhorn zum Dom nicht eingebunden.
                Das ging aber schnell mit dem Lesen. Viel Text gibts bei mir immer. Vielleicht beschränke ich mich beim nächsten Mal aber doch auf einen reinen Bilderbericht. Würde mir sehr viel Arbeit sparen

                Das mit dem Mont Blanc ist so eine Sache. Er hat mich mit seiner Masse und Größe förmlich erschlagen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich muss natürlich dazu sagen, dass ich erst ein paar Tage zuvor das erste Mal in meinem Leben einen Gletscher gesehen hab - wohlgemerkt aus etwa einem Kilometer Entfernung. Diese ganze riesige Bergwelt war neu für mich und unglaublich beeindruckend.

                Wenn man dann auch noch um die 20Tage um so einen großen Gipfel drumherum gelaufen ist und von allen Seiten kennengelernt hat, dann sehnt man sich auch nach einer Besteigung.

                Zugleich verstehe ich deine Ansicht zum Mont Blanc nur zu gut. Verhält sich ähnlich wie mit dem Matterhorn. Es ist keine Kunst dort oben zu stehen und allein hat man den Gipfel eh nicht für sich. Zu viel Betrieb. Zu viel "Kommerzialisierung". Die große Überschreitung in 4 Tagen "by fair means" war letztendlich der große Reiz, der mich bzw. uns immer wieder aufs Neue angestachelt hat. Die gewisse individuelle Note sozusagen. Ohne die habe ich sonst schnell das Gefühl, einfach einer vorgefertigten Tourenbeschreibung ohne eigenen Anteil nachzulaufen.

                Beim Hintergrat muss ich auch zustimmen. Wir hatten uns beide in gleicher Weise mehr erwartet, vor allem was den technischen Anspruch angeht. Die richtigen Kletterstellen kann man an einer Hand abzählen. Aber bei der Kulisse will man nicht meckern. Nur eins ist auch klar: Da muss ich in den nächsten 10Jahren jetzt nicht unbedingt nochmal rauf.

                Zuletzt geändert von Wette; 25.01.2019, 19:34.
                "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
                Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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                • #9
                  Zitat von Wette Beitrag anzeigen
                  Das ging aber schnell mit dem Lesen. Viel Text gibts bei mir immer. Vielleicht beschränke ich mich beim nächsten Mal aber doch auf einen reinen Bilderbericht. Würde mir sehr viel Arbeit sparen
                  Ich habe schon mit dem Lesen begonnen, als du noch geschrieben hast.

                  Zitat von Wette Beitrag anzeigen
                  Zugleich verstehe ich deine Ansicht zum Mont Blanc nur zu gut. Verhält sich ähnlich wie mit dem Matterhorn. Es ist keine Kunst dort oben zu stehen und allein hat man den Gipfel eh nicht für sich. Zu viel Betrieb. Zu viel "Kommerzialisierung". Die große Überschreitung in 4 Tagen "by fair means" war letztendlich der große Reiz, der mich bzw. uns immer wieder aufs Neue angestachelt hat. Die gewisse individuelle Note sozusagen. Ohne die habe ich sonst schnell das Gefühl, einfach einer vorgefertigten Tourenbeschreibung ohne eigenen Anteil nachzulaufen.
                  Deine Ansicht verstehe ich auch gut.
                  "Glück, das kann schon sein: man hat es fast hinter sich und einen Schluck Wasser noch dazu." (Malte Roeper)

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                  • #10
                    Zitat von Wette Beitrag anzeigen
                    Vielleicht beschränke ich mich beim nächsten Mal aber doch auf einen reinen Bilderbericht. Würde mir sehr viel Arbeit sparen
                    Bite nicht, genau das macht deine Beiträge zu dem was sie sind. Nämlich ein ums andere Mal absolut fesselnd. Spricht sehr für dich wenn man beim lesen vom balancieren am Grat auch vor dem Bildschirm mitschwitzt

                    Was mir außerdem gefällt ist deine Herangehensweise an solche Projekte.

                    Ich frag mich ja immer wenn ich von dem wunderschönen kleinen Refuge Durier lese, wie die Dame es vollbringt, dass nicht plötzlich 30 oder mehr Leute dastehen, den hier spielt es nicht viel an Notreserve.

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                    • #11
                      ABSOLUTE SPITZENKLASSE! Sowohl von der Tour her, wie auch vom Bericht selbst - vielen Dank für die Mühe! Da eure Touren weit jenseits meiner technischen Fähigkeiten liegen, konnte ich mir den Bericht ganz gemütlich durchlesen - ohne irgendwelche Begehrlichkeiten. Immerhin bin ich auch mal auf dem Montblanc gewesen, und zwar 2002. Weil die Zahnradbahn wegen Reparaturarbeiten nicht lief, war relativ wenig los. Außerdem war ich wegen des tiefen Ausgangspunktes (Tete-Rousse-Hütte) und meines bekannt langsamen Tempos ziemlich spät oben. Aber so hatte ich den Gipfel eine komplette Viertelstunde alleine für mich - ein unerwartetes Geschenk. Erst danach kam noch eine Seilschaft von der Cosmiques-Hütte hoch. Damit war die besondere Atmosphäre natürlich schlagartig vorbei...

                      LG, Klaas

                      PS: Besondere Annerkennung für den Bionnassay-Grat. Den kann man von der Normalroute ja gut einsehen. Heftig, heftig...
                      Zuletzt geändert von peakbagger; 26.01.2019, 00:11.
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                      • #12
                        Hallo Wette,

                        deine Vorwarnung zum langen Text der folgen wird, hat mich nicht abgehalten davon, mich ins Leseabenteuer zu schwingen. Wobei ich habe es es in zwei Teilen gelesen, weil ich zwischendurch noch Termine hatte. Aber auch ein gutes Buch muß man ja nicht gleich in einem Zug lesen. Find ich sehr spannend wie du schreibst, und noch mehr spannender die Bilder dazu. Mir würde es ob meiner Höhenangst ja gruseln und ich könnte da keinen Schritt nach vor oder zurück an manchen Stellen die du abgebildet hast. Daher beneide ich dich um deine Kenntnisse und Fähigkeiten zwar, aber werde es nicht anstreben sowas abenteuerliches zu machen :-) Mir ist das Lesen abenteuerlich genug und du hast mir einen spannenden Abend mit deinem Bericht vergönnt. Danke!
                        lg, Andreas

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                        • #13
                          Zitat von Wette Beitrag anzeigen

                          Das ging aber schnell mit dem Lesen. Viel Text gibts bei mir immer. Vielleicht beschränke ich mich beim nächsten Mal aber doch auf einen reinen Bilderbericht. Würde mir sehr viel Arbeit sparen
                          Das passt schon so! (erkläre mich hiermit zum "Pro-Text" Freund und fasziniertem Leser - vor allem wenn's so spannend und wortgewandt erzählt ist!)

                          Ich hätte mir auch den Bionnassay-Grat mal ein bisserl erträumt, aber irgendwie hab' ich auch Null Lust da nochmal hoch zu latschen. Vor allem auf den Abstieg hab ich kein zweites Mal Bock.
                          Wo war da bei euch die Leiter im Abstieg?

                          Es ist so witzig, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen bzw. auch die Situationen sind, bei uns waren letztes Jahr ganz wenige Leute auf der Cosmique, es war relativ ruhig und das Essen war auch recht gut eigentlich. Aber vielleicht war ich nur nervös vor dem Aufstieg

                          Fetziger Urlaub. Davon bräuchte ich wahrscheinlich gleich mal Urlaub
                          Over every mountain there is a path, although it may not be seen from the valley.

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                          • #14
                            Ein ganz großartiger Bericht! Tolle Bilder, spannend geschrieben, danke dafür.
                            Bei den Bergen ist es so: Je höher man steigt, umso weiter ist die Sicht; bei den Menschen ist es oft umgekehrt (Otto Baumgartner-Amstad)

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                            • #15
                              Dazu muss man gratulieren. Was für ein ergiebiger Bergurlaub!

                              Die Bilder davon sind sehr beeindruckend. Besonders die Matterhorn-Aufnahme ist eine Wucht.

                              Vielen Dank für diese Eindrücke!


                              L. G. Manfred

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